(ANGELIQUE tritt auf)
ANGELIQUE: Ich bin doch schon da!
ARGAN:     (zu Angelique) Ruhig!
TOINETTE:  Und Sie sind nicht krank.
ARGAN:     Ich bin nicht krank? Ich soll nicht..?!  Du!
TOINETTE:  Nein, Sie sind kerngesund!
ARGAN:     (zu Angelique) Ruhig! (zu Toinette) Ruhig! DU!
TOINETTE:  (holt Atem)
ARGAN:      (drohend) Du bist jetzt auf der Stelle...!
TOINETTE:   Ruhig.
ARGAN:      (wendet sich Angelique zu- dreht sich noch einmal drohend zu Toinette)
TOINETTE:   Ich hab ja gar nichts gesagt.
ARGAN:      (irritiert- dann zu Angelique) Ich muß dringend..(hält den Bauch) Ich muß 
             dringend....mit Dir sprechen.. (spürt ein starkes Bedürfnis)  
             Dringend....! Ich muß mich erst sammeln! (schnell ab in`s Kabinett)

                                         3.SZENE
(TOINETTE und ANGELIQUE alleine)
TOINETTE:  (lachend) Und dafür gibt er so viel Geld aus!
                           
ANGELIQUE: (während sie und Toinette Argans Bett richten - lauernd - dann) 
             Warum sagst Du denn nichts?
TOINETTE:   Wovon soll ich denn reden?  Es hört mir ja doch keiner zu. Und deshalb 
             red` ich nichts.
ANGELIQUE:  Muß ich Dir wirklich erst noch sagen, wovon Du reden sollst?
TOINETTE:   Ich kann es mir schon denken, wovon ich reden soll. Von Deinen Herzens-
             angelegenheiten. In diesem Haus höre ich nichts anderes als von seinen 
             Leibschmerzen und Deinen Herzensangelegenheiten.
ANGELIQUE:  Du zwingst mich ja, davon zu reden.
TOINETTE:   Wer? Ich?
ANGELIQUE:  Jawohl Du, weil Du nie davon anfängst.
TOINETTE:   Ich fange nicht an? Ich fange immer an. Aber bei Dir müßte ich anfangen, 
             bevor Du da bist, wenn ich mal anfangen will.
ANGELIQUE:  Stimmt nicht. Gestern war ich schon eine ganze Weile da und Du 
             fingst nicht an.
TOINETTE:   Weil Du schon angefangen hattest, bevor ich anfangen konnte.
ANGELIQUE:  Ich habe nicht angefangen.
TOINETTE:   Doch, hast Du wohl!
ANGELIQUE:  Ich habe geschwiegen. Jawohl! Ganz lange habe ich geschwiegen! 
             furchtbar lange. Da hättest Du ja reden können, wenn Du gewollt 
             hättest. Aber Du wolltest eben nicht. Und wenn Du einmal nicht redest, 
             dann hat das seinen Grund. Und diesen Grund, den kenne ich: Du bist 
             gegen ihn! Du willst ihn mir aus meinem Herzen reißen!
TOINETTE:   Warum sollte ich das wollen?
ANGELIQUE:  Dabei weißt Du, es war wie ein Wink des Himmels!
TOINETTE:   Was?
ANGELIQUE:  Da fragst Du: was?
TOINETTE:   Ja, ich frage: was?
ANGELIQUE:  Was! Die Art wie wir uns kennenlernten. Aber wenn es nach Dir ginge, 
             dann müßte ich wohl einen Mann, der sich meiner so ritterlich annahm, 
             ohne mich zu kennen, der mich hoch..hochherzig verteidigte, einen 
             solchen Mann...ja, willst Du denn, daß ich ihn zurückstoße?
TOINETTE:   Ich? 
ANGELIQUE:  Du versündigst Dich gegen das, was Gott zusammenfügen will.
TOINETTE:   Das wäre ja gottlos! Und ich bin nicht gottlos! Man kann mir vieles 
             nachsagen, aber gottlos bin ich nicht.
ANGELIQUE:  Ich habe doch nicht gesagt, daß Du gottlos bist.
TOINETTE:   Doch!
ANGELIQUE:  Nein!
TOINETTE:   Ich bin nicht gottlos, ich bin fromm!
ANGELIQUE:  Ich habe nicht gesagt, daß Du gottlos bist.
TOINETTE:   Nicht?
ANGELIQUE:  Nein, Du bist nicht gottlos.
TOINETTE:   Na, gut.
ANGELIQUE:  Aber blind bist Du!
TOINETTE:   Blind?!
ANGELIQUE:  Ja, blind!
TOINETTE:   Ich bin nicht blind. Ich sehe alles was in diesem Hause vor sich geht.
ANGELIQUE:  Doch, Du bist blind.
TOINETTE:   Nein, das bin ich nicht! 
ANGELIQUE:  Du bist blind! Blind-blind-blind-blind-blind!! Blind gegen alle seine 
             Vorzüge! Wie schön er ist, hast Du noch mit keiner Silbe gesagt und über 
             seine Figur bist Du wortlos hinweggegangen. Du verschließt die Augen, 
             damit Du nichts siehst.. Absichtlich! Ich kenne Dich. Und das er ein Mann 
             von Welt  ist, übersiehst Du auch.
TOINETTE:   Jawohl, mit Schliff.
ANGELIQUE:  Jawohl, mit Schliff! Und dabei doch so voller Leidenschaft. Er ist... Er 
             ist zurückhaltend in Wort und Tat. Und vor allem: wie wahrheitsliebend 
             er ist! Oder bestreitest Du das auch?
TOINETTE:   Nein, ich bestreite es nicht: aber...
ANGELIQUE:  Du glaubst wohl, daß er mich nicht liebt.
TOINETTE:   Das hab ich nicht gesagt, aber ich habe gesagt: Aber.
ANGELIQUE:  Was: aber? - Ach, ich weiß schon was.
TOINETTE:   Also, was?
ANGELIQUE:  Du willst sagen, daß er mich nicht liebt, so wie er sagt.
TOINETTE:   Nein, das will ich nicht. Aber wirbt ein Mann um unsere Gunst, merkst Du 
             es ihm nicht an, ob es für kurzfristig oder für ewig ist. Das Spiel von 
             Augen und Händen ist in beiden Fällen das gleiche. Die Kerle verstellen 
             sich besser als die auf der Bühne, und erst wenn der junge Mann kommt 
             und um Deine Hand anhält – wie er Dich glauben macht und was ich 
             bezweifele, - weißt Du, ob es die ewige Liebe ist! - Vielleicht.
ANGELIQUE:  Wenn er sich als falsch erweist, dann seh` ich in meinem ganzen Leben 
             keinen einzigen Mann mehr an.
TOINETTE:   Das hab ich auch schon mal gesagt. Jetzt still! Da kommt Dein Vater.
ANGELIQUE:  Ach, immer verheimlichen zu müssen, wozu einen der Himmel selbst 
             treibt!

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