Helmut Stauss für die Charles Bukowski Gesellschaft April 2007

 

Abteilung Wort

 

"Universal, guten Tag, was kann ich für Sie tun?" rattert die Telefonistin ihren Text runter. "Verbinden Sie mich mit Ihrer Abteilung Wort" "Wie bitte? Universal, hier, ich habe Sie nicht verstanden. Sagten Sie Wort?" "Ja, verbinden Sie mich mit Ihrer Abteilung Wort. " " Abteilung Wort? Aha.., worum geht es denn, bitte?"

Das kann ja heiter werden.

Worum es geht? Es geht um die Produktion GÖTZ GEORGE LIEST CHARLES BUKOWSKI. Seit Jahren fragen namhafte Hörbuchverlage bei mir an, ob sie die Produktion erneut veröffentlichen dürfen. Warum die mich fragen? Nun, ich habe die Platte seinerzeit (1978) gemeinsam mit Jürgen Pohlmann produziert. Ein gutes Stück Schallplatte. Ein wichtiges Stück Kultur. Eine Aufnahme, heute als Rarität mit 200 Euro Kaufpreis pro Exemplar hoch gehandelt, damals zum Deutschen Schallplattenpreis nominiert, versauert unterdessen vergessen und  ungeliebt in den Stahlschränken des Weltkonzerns. Kein rankommen. Ich habe manchmal sogar das Gefühl, im Hause Universal hat keiner eine Ahnung wo die Mastertapes abgeblieben sind - wo Produzentenverträge, Sprecher- und Regievertrag - wo Tantiemevereinbarungen mit den Musikern etc. verstauben. Gab es überhaupt dieses Vinyl? Gab es überhaupt diesen Bukowski, Götz George, die treffende Musik von Peter Urban und Karsten Hook und, nicht zuletzt, die Regiearbeit von Rainer Clute - mit unserer Produzentenarbeit - im Sixpack?  Verschollen das alles in den Katakomben eines Multikonzerns. Keiner der Jungmanager hat einen blassen Schimmer worüber ich rede. Nicht einmal, das es zwei Versionen der Veröffentlichung gibt (eine gute und eine lausige), wissen die hippen Erbsenzähler.

Also verweise ich Hörbuchverlage an UNIVERSAL-MUSIC. Sollen die sich an denen die Zähne ausbeißen. Ich habe heute weder ausreichend Zähne, noch Kohle, noch Nerven, mich mit blitzschnell wechselnden Chefidioten rumzuschlagen und mir immer wieder ihr staunendes "Ach, ja?" anzuhören.

Dabei hatte die Sache zunächst mal höllisch Spaß gemacht, mit diesem Bukowski und diesem George

Ich lernte George 1977 in Berlin kennen. Wir spielten zusammen Christopher Hamptons "Treats"  am hiesigen Renaissance-Theater. Götz "gab" in diesem Dreipersonenstück, sehr erfolgreich, - wie könnte es anders  sein - einen sensiblen, aber raubeinigen Machotypen. Im selben Jahr entdeckte ich  Bukowskis "Geschichten von einem der aus dem achten Stockwerk sprang" in der Übertragung von Carl Weissner.  Ich mochte diese Stories und ich mochte ihre Sprache.

Diese herzschlaglangen Miniaturen von einem "der es mal mit einem Kilo Rindfleisch oder mit Mutter trieb", dem der Wind der Mojave Wüste Seele und Leber auszutrocknen schien, diesen einsamen, verlorenen Verliererhelden der nächtens Richtung Hollywood fuhr und froh war, dem Arsch einer Vorschullehrerin entkommen zu sein, die auch noch Flöte spielte.

Ich empfahl George die Lektüre des schmalen Bandes. Auch er mochte ihn. George und ich hatten uns zögernd, aber ausdauernd angefreundet. Seine sich erst 1981 abzeichnende Schimanski-Karriere war noch in Abrahams Schoß und die Wirkung seiner vormals populären Karl May-Filmarbeiten nahm deutlich ab.

Der "neue deutsche Film" war nun angesagt und George wurde als Darsteller - und hier teilte er das Schicksal vieler anderer Kollegen - eher "Opas Kino" zugerechnet. Er nahm es gelassen. Er hatte sein gutes Schauspielerhandwerk intus und so arbeitete er eben eine Weile für die Bühne. Er musste nicht hungern und auch nicht dürsten.

Wir hockten zu jener, oft arbeitsarmen Zeit fast allabendlich beisammen, tranken, schwadronierten und entwickelten "Projekte". Filmprojekte, Theaterprojekte, Wohnprojekte, Lebensprojekte. Projekte von der Art, von denen schon Kurt Tucholsky wusste, dass sie die Nacht nicht überleben würden. Auch meine Idee, aus Bukowskis "Geschichten von einem der aus dem achten Stockwerk sprang" eine Schallplatte zu machen, wurde in einer dieser Nächte geboren. Und überlebte die vernebelten Morgenstunden völlig untypisch und wie durch ein kleines Wunder.

Götz stand der Idee zunächst recht skeptisch gegenüber. Sollte sich etwa eines unserer weintrunkenen Projekte realisieren lassen? Würde sich irgendjemand finden, der die Sache finanziert? Ich hatte das Geld. Wäre er der richtige Sprecher? "Doch, doch, Götz!" Außerdem war da Rainer Clute, ein fabelhafter Hörfunkregisseur, den ich anzusprechen versprach. Und die Zusammenstellung? Mach ich. Und die Rechte? Ich würde Carl Weissner fragen. Und die Musik? Hier war die Antwort nicht ganz so einfach. Ehrlich gesagt, fanden wir erst sehr spät eine zufriedenstellende Lösung. Wir sprachen mit dem Jazzpianisten Eugen Cicero, mit Vince Weber und, und, und. Es blieb schwierig. Wir hatten halt eine bestimmte Vorstellung vom angestrebten Klangbild der Aufnahme. Kein dominierender Teppich - sondern atmosphärische Klangbilder und ihnen widersprechende Akzente.

Schließlich schlug mein Schwager, Jürgen Pohlmann, die beiden jungen Hamburger Musiker Peter Urban (heute NDR Musikredakteur) und Karsten Hook vor. Ein Glücksgriff - das erste Demotape der beiden überzeugte uns sofort.

Jürgen produzierte zu jener Zeit für die RCA die Sänger Klaus Hoffmann und Hannes Wader, kannte sich also recht gut im "Haifischbecken" Plattenproduktion aus.

Er versuchte RCA und Phonogram zur Vorfinanzierung des Vorhabens zu bewegen. Vergeblich. "So`n Schweinkram mit Musik? Nö, aber wenn`s fertig ist, hören wir gerne mal rein." Ich plünderte also, wie versprochen, mein Konto und hatte dabei - ganz ehrlich gesagt - plötzlich ein recht mulmiges Gefühl in der Magengegend. Kontostand null und kalte Füße. Aber so ist das nun mal, mit dem unternehmerischen Risiko. Schließlich mietete ich, ganz eiskalter Produzent, für zwei Tage ein kleines Tonstudio an der Außenalster, buchte Flüge und ein heruntergekommenes, aber überaus preiswertes Hotel auf der Reeperbahn für George und Regisseur Clute.

So konnte es endlich losgehen, mit unserem ersten zu realisierenden eigenen "Projekt".

Wie dumm sich Profis anstellen können, zeigte sich allerdings bereits in der Nacht unseres Eintreffens auf St. Pauli.

Lag es am Anlass Bukowski, lag es an der Euphorie, wir gaben uns in jener Nacht in Polen Pjotr`s kleiner Kaschemme (Treppe runter, klopfen, Schmuggelware: Kaviar, Wodka, Pelze und Ikonen en gros) dermaßen die Kante, dass der erste Studiotermin komplett verloren ging. Schnapsleiche neben Schnapsleiche hingen wir ausdünstend in den Studiosesseln. Nur nicht bewegen, keine Kurven, nicht so laut. Dem Lebensgefühl des Andernacher Dichters Bukowski fühlten wir uns jedenfalls ganz nah, an diesem rabenschwarzen Morgen.

Clute wirkte irgendwie besorgt. Er lächelte zwar noch, wie es nun mal seine freundliche Art ist, aber nur noch gequält. Hatte der denn gar nichts getrunken? Bewundernswert. Fit wie ein Turnschuh. Mir jedenfalls, war das alles nicht mehr so wichtig, in diesem Moment. Ich war schließlich der Produzent, es war meine Kohle, ich hatte meine Lieben um mich und es würde schon was werden, mit der Kunst. Ein Hoch dem Alkohol.

Ich schlug vor, zum Griechen an der Ecke, einen Happen essen zu gehen. Mit leerem Magen würde es wohl nichts werden und man könne doch auch am Tisch arbeiten. Drei Stunden später waren wir alle wohlig satt, unendlich müde und schon wieder betrunken. Es bedurfte keiner großen Überredungskraft des Regisseurs, um die Aufnahme auf den nächsten und letztmöglichen Tag zu verschieben. 

George sprach die Platte am nachfolgenden Tag hochkonzentriert und ohne Pause bis tief in die Nacht ein. Und er sprach die Texte so eindringlich, dass selbst der Studioinhaber die Zeit vergaß und kein weiteres Stundenentgelt nachforderte. Leise, rau, sensibel, verletzbar. Clute und George verstanden sich bei der Arbeit fast wortlos. Es war eine reine Freude. 

Das Ergebnis jedenfalls ist eine noch immer gültige Bukowski Interpretation. Davon bin ich überzeugt. Ich selbst durfte ja nur dabei sein und zuschauen, zuhören und bezahlen - aber das war mir genug. Gelungen, George!  Der, übrigens, ist da mal wieder viel skeptischer.  

 

Nachtrag:

1979 erschien die Platte in kleiner Auflage. Eine zweite musikalische Version, mit der die seinerzeitige Phonogram Götz Georges aufblühende Schimanski Popularität abschöpfen wollte, ist hingegen nicht mein Lieblingskind.

"Nüchtern" betrachtet, ist die Erste nun mal nicht zu toppen. Schon aus diesen Grunde sollten die Jungs bei Universal, die heute das kulturelle Erbe von Phonogram verwalten, endlich in ihren Keller steigen und ein wenig danach suchen. Und wenn sie dort nichts finden sollten, meine Herren,  - in meinem Keller liegt Kultur brav geordnet rum und wartet darauf gefunden zu werden.