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Sturm aus blauem Himmel

Büchners "Leonce und Lena" im Berliner Schloßpark-Theater

VON GÜNTHER GRACK

"Man nennt mich einen Spötter", sagt der kleine Junge zu Beginn vor dem geschlossenen Vorhang. "Es ist wahr, ich lache oft, aber ich lache nicht darüber, wie jemand ein Mensch, sondern nur darüber, daß er ein Mensch ist." Im weißen Gewand ein Miniatur-Bajazzo, spricht der Junge im Namen des Dichters. Geht dann, nach diesem Zitat aus einem Brief Georg Büchners, der Vorhang auf, blicken wir in eine surrealistische Welt, eine Puppenstube, in der sich Natur und Kunst possierlich verbinden. Himmelblaue Wände, mit weißen Wölkchen bemalt, schließen einen rasengrünen Fußboden ein, vorn ein Trichtergrammophon, hinten ein barock ausladender Schrank, darüber ein golden schimmernder Kronleuchter. Und die Personen, die da in zierlichen Posen versammelt sind, beginnen sich zur Musik zu drehen wie Figuren einer Spieluhr.

"Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen" - auf Robert Wilsons monumentales Unternehmen, "Dantons Tod" mit dem Berliner Ensemble als Marionettenspiel anzulegen, folgt jetzt im Schloßpark-Theater ein kleines, feines Gegenstück. "Leonce und Lena", satirischer Spiegel deutscher Kleinstaaterei und zugleich melancholische Reflexion eines seelischen Befindens, in dem Liebe und Langeweile, Lust und Frust innig verschwistert sind: verflixt schwer, da die Balance herzustellen. Nach Boleslaw Barlog (1965) und Roberto Ciulli (1975) ist nun, für eine Ensuite-Aufführung in Heribert Sasses Steglitzer Haus, der junge Regisseur Thomas Birkmeir ans Werk gegangen - zu voller Zufriedenheit des Premierenpublikums, wie der Beifall für ihn, seinen Bühnenbildner Hans Kudlich und alle anderen am Ende bekundete.

Übrigens ein ungemütliches Ende: Sturmgebraus, wild aufheulend, desavouiert da die Parole, die Valerio ausgibt, Leonces philosophischer Freund, ein Landstreicher, der zum Staatsminister wird - mit dem Müßiggang, zu dem er aufruft, wird es wohl nicht gut gehen. Eine inszenatorische Pointe, die hinter das bunte Märchen einen schwarzen Schlußpunkt setzt, gleichsam zur Bekräftigung jener Momente, in denen sich die Liebesgeschichte der herumirrenden, sich ängstlich ausweichenden, sich wunderbar findenden Königskinder dunkel verschattet hat. Dennoch, so sehr sich Marcello de Nardo (Leonce) und Sabine Grabis (Lena) bekümmerten Gesichts in Lebensekel und Lebensfurcht einfühlen, man sieht ihnen nur pflichtgemäß mit Anteilnahme zu - die echte Sympathie gilt eher ihren Adlaten: Erich Schleyer, einem Valerio, der sich, ein langer Kerl mit langer Nase, so schön lustig machen kann über den kleinen Prinzen, und Gertrud Roll, die als Gouvernante ihrer Prinzessin so schön leiden kann, wenn die Wege immer länger und die Füße immer kürzer werden. Treffen dann die beiden, nicht mehr die Jüngsten, aufeinander, zusammenprallend zu einem deftigen Flirt, verdoppelt sich das Komödienvergnügen. Hübsch burlesk sowohl das Lever des vertrottelten Königs Peter (Helmut Stauss), ein vom Cembalo untermaltes Ritual, als auch das Lamento des Zeremonienmeisters (Holger Daemgen) über den Niedergang seines Zwergstaates: Passagen, die der Regie erlauben, dicker aufzutragen als bei den zarteren Seiten des dichterischen Gespinstes möglich. Das Ideal eines mühelosen Gleichgewichts bleibt, wieder einmal, vielleicht auf ewig, ein Traum - was sonst?

 

Prädikat: Ganz besonders nett

"Leonce und Lena" im Schloßpark-Theater

Im Schloßpark-Theater ist Regisseur Thomas Birkmeir mit seinem braven Spaß-Ansatz zu "Leonce und Lena" dem Abgrunddichter Georg Büchner kräftig auf den Leim gegangen. Aus dem bitterbösen Lustspiel wird ein Märchenspiel, Prädikat: Ganz besonders nett.

Prinz Leonce und Prinzessin Lena sollen heiraten, wollen nicht, weshalb jeder, von einem Dienstboten begleitet, flieht. Sie haben auch sonst nichts zu tun, außer sich, die Absurdität der Welt und ihre Luxus-Existenzen zu bemitleiden. Am Schluß sind sie vereint und doch am Ziel ihrer Wünsche, fühlen sich betrogen. Das Volk friert und hat Hunger. Leonce sitzt auf einer grünen Wiese. Dorthin führen sechs Türen und ein verzierter Schrank.

Einmal nimmt in ihm Lenas Gouvernante (Gertrud Roll) ein Fußbad. König Peter (Helmut Stauss) lagert darin, ehe ihn Kammerdiener zum Ankleiden tragen. Ringsherum ist blauer Himmel mit weißen Wölkchen. Bei Büchner liegt die Idylle knapp über der Hölle. Bei Birkmeir knapp unter dem Himmel. Von dort hängt ein prächtiger Kronleuchter Richtung Rasen, fällt später der Brautschleier in die niedliche Gegend herab. Marcello de Nardo als zierlich-quirliger Leonce und Erich Schleyer, ein rechter Kerl von Valerio, geben, bestens eingespielt und vital komödiantisch, das ungleiche Paar. Auf der Flucht nach Italien trägt Valerio seinen Herrn auf den Schultern, der sich ein Grammophon aufgeladen hat. Als dem Diener jedoch die Last zu schwer wird, verkauft er zwecks Wirtshausruhe umstandslos den Anzug des Prinzen, der fortan in Unterwäsche durch die Inszenierung spaziert. Genau wie Lena (Sabine Grabis), die ihr Brautkleid weggeschmissen hat. Die Königskinder finden in tiefer Liebe und leichten Dessous zueinander.

"Alles geht zu Grund", jammert der Zeremonienmeister (Holger Daemgen), und legt ein fulminantes Tänzchen mit dem Zeremonienstab hin. Der König schmeißt den Reichsapfel in den Zylinder eines Abgeordneten, der sich schockiert in den Schrank setzt. Der steht unerschütterlich, selbst als mit Händels "Halleluja" gehochzeitet wird. Das Ende ist fast so festlich wie der Beginn. Da zitierte ein einsamer Junge aus einem Brief Büchners, daß das ganze Menschsein einfach lachhaft wäre. Das Zitat ersetzt freilich nicht die Original-"Vorrede" des Stückes: "Alfieri: E la fama? Gozzi: E la fame?" Doch der Regisseur Birkmeir kann weder mit dem Ruhm noch mit dem Hunger etwas anfangen. Er macht aus Büchners Lustspiel ein ziemlich lustiges Spiel. Das ist drollig und einfallsreich eingefädelt, sehr hübsch dargestellt. Büchner allerdings (lust)spielt in einer anderen Liga.

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