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Berliner Morgenpost

 

Kein Hamlet im Frack

Helmut Stauss über seine Molière-Inszenierung im Schloßpark-Theater

Molières Komödie «Der eingebildete Kranke» feiert heute

im Schloßpark-Theater Premiere.  Regie führt Helmut

Stauss, der dort zuletzt in «Diener zweier Herren» zu

sehen war. Sabine Weck sprach mit dem Schauspieler

über seine Inszenierung.

Berliner Morgenpost: Sie standen im Schloßpark-

Theater oft als Schauspieler auf der Bühne, zuletzt im

«Diener zweier Herren». «Der eingebildete Kranke» ist

Ihre erste Regie dort . Spüren Sie einen gewissen

Erfolgszwang?

Helmut Stauss: Ich habe ja schon mehrfach Regie

geführt, z. B. in Hamburg und in Bad Hersfeld. Für

Theatertourneen inszenierte ich den «Platonow» von

Tschechow und Gogols «Revisor», beide mit Götz George

in der Hauptrolle. Das Angebot vom Schloßpark-Theater

hat mich natürlich sehr gefreut. Sicher brauchen wir eine

gute Auslastung, denn wir gehen damit finanziell an die

Grenzen unseres Hauses. Die Misere der Theater in der

Hauptstadt ist oft genug besprochen worden, was soll man

dazu noch sagen? Berlin strahlt doch nach außen nicht

durch seine Industrie, sondern durch seine kulturelle

Vielfalt.

Berliner Morgenpost: Kann man mit Molière überhaupt etwas

 falsch machen?

Helmut Stauss: Bestimmt, wenn es einem nicht gelingt, die Leichtigkeit,

die Musikalität des Stücks und auf der anderen Seite

seine gedankliche Tiefe miteinander zu verbinden. Ich

hoffe, dass mir diese Balance glückt. Die erstklassige

Besetzung kommt mir da sehr entgegen.

Berliner Morgenpost Ist Titelheld Argan ein Ekel?

Helmut Stauss: Ich glaube nicht. Molière betrachtete alle 

seine «Helden» mit viel Liebe, auch Argan. Der zieht sich auf seine

Krankheit zurück, weil er Liebe sucht und auf sich

aufmerksam machen will. Ein Egoist, sicher, aber wie sich

herausstellt, sind das auch die anderen, trotz Jugend,

Schönheit, Reichtum. So weit weg ist das Werk also nicht

von uns, obwohl es aus dem 17. Jahrhundert stammt.

Berliner Morgenpost  Wird man die Protagonisten in den Kostümen

 der Zeit sehen?

Helmut Stauss: Wir wollen nicht historisieren, aber eine bestimmte

gesellschaftliche Situation soll erkennbar sein. Also kein

Hamlet im Frack. Ich bin sehr dafür, dass es solche

Freiheiten der Interpretation gibt, aber ich habe nicht den

Ehrgeiz, mich auf diese Weise zu profilieren.

Berliner Morgenpost Intendant Heribert Sasse spielt die

Hauptrolle. Er hatte im März einen Herzinfarkt. Hat das die Proben belastet?

Helmut Stauss: Der Mann hat an Spannkraft, an Intensität in

keiner Weise nachgelassen. Und wir haben noch andere starke

Persönlichkeiten auf der Bühne.

 

Berliner Kurier

Bravos und Jubel für Gröllmann und Sasse

Moliéres Komödie "Der eingebildete Kranke" bescherte

dem Schlosspark-Theater den ungeteilten Jubel des

Premierenpublikums!

Vor allem den Hauptdarstellern Heribert Sasse und Jenny

Gröllmann flogen am Schluss die Bravos nur so zu.

Regisseur Helmut Stauss war gut beraten, sich auf ihr

Können zu verlassen. Ansonsten setzt er auf

schnörkelloses Erzählen: Monsieur Argan (Sasse) pflegt

seine vielen Wehwehchen. Ehefrau Béline (Yvonne

Brüning) hofft nicht auf Heilung. Sie giert nach dem

Erbe. Dienerin Toinette (Gröllmann) sieht alles, hört alles

und schweigt. Dann aber soll Argans Tochter Angélique

(Kristina Bangert) an einen ungeliebten Mann verhökert

werden. Sie stört Stiefmutters Pläne. Jetzt ist Schluss mit

lustig - Toinette sieht rot. Mit einer Radikalkur heilt sie

Argan von der einzigen Krankheit, an der er wirklich leidet:

der Blindheit gegenüber seiner Umwelt.

Der an sich schon lustigen Fabel verleihen die Akteure

komödiantische Glanzpunkte. Heribert Sasse spielt vor

allem Argans polternde Dummheit aus. Jenny Gröllmann

gelingt das Kunststück, den Witz mit Intelligenz und

Herzenswärme anzuheizen. Damit beschert sie der

Inszenierung auch anrührende Augenblicke leisen

Humors. Nach einer durch eine schwere Krankheit

erzwungenen Pause meldet sich die Schauspielerin als

gewitzt-charmante Toinette wieder zurück - kraftvoll und

bezaubernd schön. Anlässlich ihres hinreißenden Spiels

sollten sich Berlins Regisseure um sie reißen - und das

Publikum ins Schlosspark-Theater pilgern! PeC

 

 

Berliner Morgenpost

Kur de France

Heribert Sasse spielt Molière

Falls es wirklich schwer Erschütterliche gibt,

die die Ärzteschaft für eine semi-göttliche

Zunft halten, so gehören diese unbedingt zur

Zielgruppe des Schlosspark-Theaters.

Ferner empfiehlt sich der Besuch für

diejenigen, die ihren Partner noch nie auf

einen etwaigen Hang zum nackten

Materialismus hin überprüft haben. Im Verein

mit Molières "Eingebildetem Kranken"

können sie kuriert werden. Helmut Stauss

führte Regie, und Heribert Sasse steigt ins

Nachthemd des Hypochonders. Mit

schweißnassem Haar bewegt er sich

zwischen doktoralen Scharlatanen sowie

einer Angetrauten, die gierig aufs Erbe

lauert. Seine Tochter will er an jenen Mann

bringen, dem als Hochzeitsgeschenk seine

medizinische Dissertation einfällt. Da

braucht's zur komödiantischen Genesung

das Angesicht des Todes.

 

 

Fitness auf dem Schaukelschaf
Wie eine Posse: Molières «Der eingebildete
Kranke» in Steglitz
Von Peter Hans Göpfert

Nicht die besten Zeiten für Molière. Am  Schiffbauerdamm sitzt
Tartuffe im Stahlrohrsessel. Die Aktualisierung bleibt reine
Behauptung. Jetzt spielt man am Schloßpark-Theater «Der
eingebildete Kranke» - auch dort mit halber Münze. In
Helmut Stauss' Version hat die volkstümliche Posse
vollends die Oberhand. Da helfen auch ein paar
Hübschigkeiten nicht weiter. Mal versucht sich der Patient
mit dem Fitness-Programm ausgerechnet auf einem
Kinder-Schaukelschäfchen. Und einmal plagt ihn, bei Blitz
und Donner, ein Alptraum, durch den ein Spielzeug-
Leichenwagen fährt. Dabei soll es doch mit der
Todesangst dieses Kranken sehr ernst sein: die Regie
schreibt uns recht oberlehrerhaft den Untertitel
«Der Hypochonder» ins Programm, damit wir nicht
vergessen: Argan simuliert nicht, er leidet - an seinen
eingebildeten Leiden. Die Ärzte selbst sind die Quelle
dieses exemplarischen Falls psychosomatischer
Gebresten. Stauss verzichtet auf falsche Aktualisierung,
das dankt man ihm. Eine Anspielung auf den heutigen
Wert von Ehrenworten könnte er getrost auch noch
streichen.
Molière schrieb und spielte «Le Malade imaginaire», sein
letztes Stück, als kranker Mann. Während der vierten
Vorstellung 1673 befiel ihn ein schlimmer Schüttelfrost.
Wenig später starb er. Dieser Tod des großen Dichter-
Komödianten hat eine geradezu mythische Aussagekraft.
Heribert Sasse nun ist eben von schwerer Krankheit
genesen. Und er feiert dieses Glück, wie er es sich
vorgenommen hatte, mit der Rolle des Argan. Im
Nachthemd, gelegentlich auch im Hausmantel, geriert
sich dieser Hypochonder als großes dummes Kind. Dieser
Argan hat mehr Neigung zur Explosion als zur kranken
Seele. Wie überhaupt die Aufführung ganz und gar nicht
dem Trend unserer Bühnen zur Leisesprecherei folgen
mag. Die Liebesleute, wo sie nicht gerade schreien, bleiben
prompt kleinlaut. Yvonne Brüning ist nicht gerade der
raffiniert-elegante Typus der Erbschleicherin. Außer Argan
durchschaut sie jeder. Volkmar Kleinert legt einen
krachenden reaktionären Arzt und Vater hin, der sein
Loblied auf die Zurückgebliebenheit singt; 
Michael Laricchia darf als Sohn und Schwieger-Aspirant
dagegen nur einen albern dressierten Knaben spielen -
soviel Beschränktheit lässt keinen langen Atem zur Satire
auf die Fortschrittsfeindlichkeit. Jenny
Gröllmann ist eine sympathische Toinette. Als
Dienstmädchen würden wir allerdings doch lieber Traute
Hoess vom Berliner Ensemble engagieren.

 

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