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Tagespiegel Berlin
„Japanische Spiele” – Minimaltheater im Bethanien
Mit einer Uraufführung geht das Berliner Transformtheater in die 
diesjährige Theatersaison. Henryk Baranowsky inszenierte jetzt im 
Künstlerhaus Bethanien ein Stück des Schweizer Autors  Jürg 
Laederach, der zur Zeit als DAAD-Stipendiat in Berlin lebt: “Japanische 
Spiele, eines von vier “minimalen Stücken” aus seiner 1979 
veröffentlichten Sammlung “Fahles Ende kleiner Begierden”.
“MinimalMusik”, das ist im Prinzip ein im Ganzen statisch wirkendes 
Grundthema, innerlich lebendig und unruhig gehalten durch minimale 
Nuancierungen und Variationen. Was Komponisten wie Steve Reich und 
Phil Glass in ihrer Musik anwenden, versucht Jürg Laederach hier in 
Sprache und Szene zu setzen: Einige wenige Sätze, die in Dialogen 
wiederholt, geringfügig variert werden, in Frageform auftauchen, oft 
scheinbar sinnlos gegeneinandergesetzt, und die doch sinnfällig werden 
durch Asoziationen und Irritationen, die sie auslösen. Sprachvariationen 
ohne eigentliches Thema, die beim Lesen Lust an Sprache wecken, 
oftmals zum Lachen bringen – und somit natürlich an Dada oder 
Nonsens-Lyrik erinnern.
Im Transformtheater kommt nun Hören und Schauen hinzu. Dabei trägt 
die Inszenierung dem japanischen No-Theater, auf das Laederach im 
Titel bezug nimmt, auf zweierlei Weise Rechnung: mit einem modisch 
gestylten Bühnenbild im Japan-Look (Anita Lüdke) und mit stilisierten 
langsamen Gesten und Tritten der Schauspieler, die in weitgehend 
verhaltend gleichbleibenden Stimmlagen ihre absurden oder 
ausweglosen Unterhaltungen führen.
Während in ersten Teil auch auf japanische Motive (fächernde Geishas, 
kämpfende Samurai) zurückgegriffen wird, wird nach der Pause eine 
Cocktailgesellschaft in Szene gesetzt, beschäftigt mit erotischen 
Spielereien um Sektgläser und Eiswürfel.
Mein Eindruck war, daß hier zuweilen die Sprachkompositionen 
allzusehr in den Hintergrund gespielt wurden. Das sich jeoch immer 
wieder Spannungsmomente und Komik einstellten, ist vor allem Helmut 
Stauss zu verdanken, der in faszinierender Körperbeherrschung, oft 
leicht gebückt, und ausdrucksvoll unmaniriertem Mienenspiel auftrat und 
von allen Schauspielern auch Laederachs Sätzen den präzisesten, 
trockensten und damit immer wieder überraschenden Ausdruck verlieh.
Und das Schlußbild – die vier Darsteller in ihrer Abendgarderobe mit 
naßtropfenden Manuskripten in den Händen u einer Sprachsinfonie 
vereint – das schon war den langanhaltenden Beifall wert.
(Eva Jenke)
 
 

Die aufklappbaren Enten

 Jürg Laederachs “Japanische Spiele” mit dem Transformtheater

Was wäre japanisch an dieser Minitext-Farce, die im Künstlerhaus Bethanien uraufgeführt wurde – wenn nichr Henryk Baranowsky mit seinem Transformtheater die Sache pantomimisch in die Hand genommen hätte? So ergibt sich doch ein durch stumme Szenen und eine Pause verlängertes, vom einverständlichen Publikumsgelächter bis zum heftigen Erfolg getriebenes “unziemliches No-Spiel”, wie der Autor Jürg Laederach es im Surkamp-Taschenbuch seiner vier minimalen Stücke mit dem Titel “Fahles Ende kleiner Begierden” genannt hat. No-Theater, allerdings eher persifliert zu verstehen: zwei moderne Freunde, Kyotoer und Scheveninger, betreten übervorsichtig , die Schuhe ausziehend, ein Freudenhaus mit zwei vorhangverdeckten Kabinen. Zwei traditionell-japanisch gekleidete Schauspielerinnen, Geisha und Teedame, lassen sich anfangs nur als eingerahmtes Bild blicken, nehmen dann jedoch an einem rituellen Rätselspiel teil., das dieses Quartett unauflösbar verwickelt.. Unsichtbar bleibende Schränke, Kommoden, große und kleine Brillen oder aufklappbare Enten, die der Nonsens-Text bis zur restlosen Irritation mixt., geraten im ersthaft zelebrierten Symbolismus auf der offenen Studiobühne von Bethanien zur Zeitlupenkomödie.

Des Autors genaue Bühnenbildbeschreibungen für zwei milieu- unterschiedliche Akte werden ignoriert. Weder gibt es im ersten Akt ein Bett des Stundenhotel, noch im zweiten das darunterliegende Nachtlokal mit in den Raum reichender Meeresbucht. . das ab und zu ausgesprochene Wort “Wir schwimmen” ist ein bloßes Wortbildwie die nicht vorhandenen Brillen oder Enten. Da jedoch die Herren bei den sich verführerisch immer neu kostümierenden Damen des akstrakten Etablissements offensichtlich ihr intellektuell dekadentes Vergnügen suchen – nur immer verhindert durch das Fragen und Suchen nach Dingen, die es gar nicht gibt , scheint sich das fernöstlich animierte Bethanien-Publikum mit eigenen Phantasien zu beteiligen. Enten, die man vorn und hinten aufklappen kann, Myriaden kleiner oder “unnützer” großer Illusions-Brillen werden merkbar zu irgendwelchen Sexsymbolen. Und als das Minivokabular der Halbsätze sich auch im zweiten Akt nicht verändert, wird das mit jubelndem Lachen begrüßt. Zu sehen gibt es immerhin einmal einen Ansatz zu einem Kampf der geduckten Sumo-Ringer, Helmut Stauss und Helmut Bernhofen machen das, scheinathletisch übereinanderkugelnd, wirklich hübsch. Die Damen Ulrike Nowak und Tatjana Blacher kommen dann im zweiten Akt, einer vom Altjapanischen ins Moderne umgepolten Gesellschaftsszene besser zur Geltung. Die Teedame, in deren hoher Frisur noch ein gefährlich langes Haarteil steckt, quirlt mit diesem im Sektglas des Scheveningers, während im Hintergrund die Geisha auf den Schultern des Kyotoer eine Zeitlang wirklich “schwimmt”. Was das Schevedinger-Teedamen Paar (Stauss-Nowak) mit seinen nie geleerten, dafür immer neu überfüllten und ringsrum plätschernden Sektgläsern anstellt, das ist auch ohne eigene Sexphantasie sehr komisch. Die Transformtheaterleute können perfekt balancieren, voltigieren, einander lächend zur Verzweiflung bringen. Was sie machen, ist ein Schaustück ganz für sich. 

(Hedwig Rohde)

 

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