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Berliner Morgenpost 
Gelungene “traurige Komödie“ im Renaissance-Zheater: Hamptons 
„Herrenbesuch“
Goliath und die schöne Einfalt der Liebe
von Friedrich Luft
So lobt man sich die gute, englische Komödie heute: Lustig – aber 
pessimistisch gerändert; rüde – aber zärtlich im Kern; scheinbar flapsig, 
oft roh – aber durchtränkt von Wehmut; komödiantisch – aber immer 
von einer intelligenten, elegischen Grundstimmung durchflutet. Man 
lacht dauernd. Aber ein bischen bricht einem am Ende das Herz.
Die Bauart dieses Stückes von Christopher Hampton ist eher altbacken 
und konservativ. Nur eine Dekoration (sehr schön und brauchbar 
gebaut von Helmut Koniarski) : der lässig-moderne Wohnraum einer 
Dame.
Hier hat sie einst mit einem fröhlichen, etwas windigen Journalisten 
gewohnt. Verheiratet waren sie nicht, aber fest gebunden. Der muntere 
Riese ist nach Zypern ausgeflogen. Jetzt wohnt sie im gleichen Raum 
mit einem dürren, eher betulichen, netten, aber unerheblichen Typen. 
Auch mit ihm nicht verheiratet, aber auf bequeme Art verbunden.
Tut sich die Tür auf – und der alte Untermieter ihrer Etage und ihres 
Herzens ist wieder da. Das klassische Dreieck ist gegeben und ist für 
zwei Stunden auf verdeckte Komödienart ständig in Unruhe und 
Bewegung.
Mehr braucht Christopher Hampton nicht für eine gute 
Abendunterhaltung. Er hat vor Jahren den „Menschenfreund“ 
geschrieben. Das Schloßpark-Theater verfehlte damals dieses Stück 
total. Erst als Dieter Dorns Hamburger Regiefassung dieses 
komplizierten Stückes zum Theatertreffen einflogen wurde, erkannte 
man, wie raffiniert, wie lustig doppeldeutig, wie ergiebig das exellente 
Stück war. Das Schiller Theater hat später, wieder ohne Nachhall oder 
Erfolg „Die Wilden“ gespielt. Da war das Stück sicher nicht gut, aber die 
Aufführung auch nicht.
Dies hier ist in seiner kleinen Form höchst unterhaltsam und kunstfertig. 
Dabei sind die dramatischen Vorgänge eher spärlich. Zwei 
unterschiedlich versagende Männer kabbeln um eine Frau. Komisch ist 
das. Es ist kämpferisch lustig. Aber bewiesen wird mehr. Gefragt wird 
dauernd: Können so kluge Leute wie diese eigentlich noch lieben? 
Kann eine gewisse Klasse hochintellektueller Menschen, so flink und so 
klug sie auch parlieren, können solche der schönen Einfalt der Liebe 
überhaupt noch teilhaftig werden? Sie sehnen sich danach. Aber sie 
schaffen es nicht. So klug und lustig sie mit dem Munde zu reden 
verstehen – ihr Herz bleibt allein und schweigt. Der Mensch, besser: 
solche Menschen sind sehr einsam!
Also: Eher eine traurige Komödie. Aber eine gute, weil man rüstig 
unterhalten wird und ständig lacht. Gut auch, weil der Autor wenigstens 
zwei Rollen schrieb, die zu spielen den beiden männlichen Rivalen 
sichtlich Freude macht und dauernd Talentanlaß gibt.
Götz George sah ich nie so gut. Er spielt den praatschigen Journalisten, 
den pfiffig-rüden Intellektuellen mit dem Gehabe eines wendigen 
Mittelgewichtsboxers. So gut sah man George nie. Er läßt die ruppigen 
Reden prasseln. Er fordert seinen Kontrepart ständig heraus. Er kämpft, 
er dominiert, zeigt dauernd seine Muskeln. Trotzdem merkt man ihm 
an, wie mies ihm ehrlichweise ist. Ein verzagter Goliath. Ein unter all 
der rohen Kraft eher kleinmütiger Typ. Schön, wie Götz George uns das 
zur Kenntnis bringt.
Gegen ihn tritt an Helmut Stauss, eher ein Menubbel, ein David mit 
Komikerkraft. Aber so murkelig, so verdrückt und voll spießiger 
Kleinmut er scheint – er kann kämpfen. Er kann alle Vorteile des 
Schwächeren nutzen. Er hat ein ganzen Bild für sich, in dem er nur sich 
zum Gang ins Büro fertig macht. 
Wortlos legt er da einen eitlen, armen, selbstbewußten Spießer nur bei 
der nervösen Vorbereitung zum Bürogang offen.
Er rasiert sich, wählt eitel die Krawatte, stolpert ständig, ist eitel, 
verschusselt das meiste, genießt sich selber skeptisch im Spiegel, wird 
nicht fertig, pumpt sich auf, sackt wieder zusammen und gewinnt 
endlich doch die Tür in Hut und Mantel.
Reine Pantomime. Aber wie gut beobachtet und wie aufschlußreich zu 
betrachten. Evelyn Gressmann tut sich da schwerer. Ihre Rolle, die der 
Circe zwischen diesen beiden Halunken, ist wohl vom Buch nicht 
ähnlich wirkungsvoll ausgestattet. Aber auch sie hält das diffizile 
Gleichgewicht dieser bitter-komischen Komödie. Der Abend wird richtig 
nett und nahrhaft.
Harry Meyen führt Regie. Das Stück ist auf Deutsch und in der 
Übersetzung von Martin Walser schon zweimal gespielt worden. Beide 
Male erfolglos. Meyen holt die besten leichten (und nachdenklicheren) 
Qualitäten aus dem Text sicher heraus. Er läßt den Spaß wie unter 
einer Sordine der Traurigkeit spielen. Beides, Spaß und Skepsis, 
pendeln sich aus. Sieg der leichten, itelligenten Hand über eine eher 
tieftriste Komödie. Alle Achtung!
So wurde es, am ersten Sommertag, ein richtig runder und verdienter 
Erfolg. Komödien dieser verzwickten Art gehören ja genau in den 
Spielplan des Renaissance-Theaters. Diese müßte, darf man wohl 
prophezeien, sehr lange darauf bleiben.

 

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