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Vor den Karren gespannt

Heribert Sasse inszeniert den "Fall Furtwängler" im Schloßparktheater
VON PETER UEHLING

Eine gerechte Beurteilung der Rolle Wilhelm Furtwänglers im Dritten Reich scheint kaum möglich. Zutiefst überzeugt vom alles, auch die Politik überragenden Rang des deutschen Geistes war Furtwängler imstande, öffentlich den Kampf gegen das "Judentum" zu befürworten, wenn er sich gegen "Kitsch, trockenes Virtuosentum und dergleichen" richtete, sich zugleich aber für den Verbleib Bruno Walters, Otto Klemperers und Max Reinhardts auszusprechen. Liest man seinen Artikel vom 11. April 1933 in der Vossischen Zeitung, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß das einzige, was den Dirigenten am Antisemitismus störte, der Verlust großer Künstler war. Es ist daher glaubwürdig, wenn er behauptet, aus Verpflichtung zur geistigen Tradition Deutschlands nicht emigriert zu sein.

Das Desinteresse an der Politik, die Überzeugung, daß die Kunst eine Welt außerhalb ihres historisch-gesellschaftlichen Kontextes sei, führte jedoch dazu, daß er vor den Karren der Barbarei gespannt wurde. Angesichts der von ihm erwarteten Auftritte zu Reichsparteitagen und Führers Geburtstag reagierte er kurzgriffig, beinah kindlich: Er meldete sich krank oder redete sich mit anderweitigen Verpflichtungen heraus. Die Lebenswunde Furtwänglers, der sich als zum Dirigieren verfluchter Komponist begriff, führte zu einer tiefen Isolation von der Welt. So konnte er allen Ernstes noch vom Positiven der Kunst reden, als sie längst in der Mühle der Propaganda mittrat.

Offenes Ende

Im Schloßparktheater, keine 100 Meter entfernt von dem Ort, an dem Furtwängler 1946 zu seinem Verhalten in der Zeit des Nationalsozialismus verhört wurde, ging am Sonnabend die Premiere von Roland Harwoods "Der Fall Furtwängler" über die Bühne.

Das ist nun durchaus kein moralinsaures Dokumentations-Drama, wie man befürchten könnte, sondern ein differenzierter Text, dessen offenes Ende dem unlösbaren Problem entspricht. Das Verhältnis von Kunst und Politik wird auf verschiedenen Ebenen behandelt, dem humanistischen Idealismus Furtwänglers tritt in Gestalt des ihn befragenden amerikanischen Majors Arnold das demokratische Dogma entgegen.

  als unangemessen herausstellt, weil sie die Realität des nationalsozialistischen Deutschlands verfehlt, versucht Major Arnold eine psychologische Deutung. Demnach blieb Furtwängler in Deutschland, weil sonst der realpolitisch ungleich geschicktere und nicht zuletzt deswegen von ihm verabscheute Herbert von Karajan, der gleich zweimal in die NSDAP eingetreten war, seine Ämter übernommen hätte. Aber auch diese Erklärung führt nicht in die Tiefe von Furtwänglers gebrochenem Charakter, der sich in schrill brüllenden Unterbrechungen seiner ruhigen Sprechweise äußert.

In der Darstellung Erich Schleyers ist Furtwängler ein täppischer Märchenriese im Büro, fremd und würdig, belastet mit der Melancholie des kulturellen Erbes (Furtwänglers Vater war der bedeutendste Archäologe seiner Zeit). Dem Major Arnold leiht Marcello de Nardo jene Züge amerikanischer Besserwisserei und stolz zur Schau getragener Unbildung, die ihn trotz der Mahnungen seiner deutschen Sekretärin (Brit Gdanietz) und seines jüdisch-amerikanischen Gehilfen (Holger Daemgen) die Größe einer Persönlichkeit ignorieren lassen. Wie inhuman auch diese selbstgerechte Position ist, zeigt sich in jener Episode, in der der Major den gewiß geistig armen Philharmoniker Helmuth Rode (Helmut Stauss) durch die Aufsicht auf einen Job zum Denunzianten seines Chefs macht. Bravohaltiger Applaus für die Hauptdarsteller und Heribert Sasses sachlicher Inszenierung.

 

 

Des Teufels Kapellmeister 
Heribert Sasse inszeniert Ronald Harwoods "Der Fall Furtwängler" im Berliner 
Schloßpark-Theater 
VON FREDERIK HANSSEN 
Major Steve Arnold weiß ganz genau, was richtig ist und 
was falsch. Früher, vor dem Krieg, hat er als 
Versicherungsvertreter gearbeitet. Steve ist Spezialist 
für Kleingedrucktes, ein real american boy - und 
überzeugter Kulturbanause. Deshalb hat er auch den 
Auftrag bekommen, den "Bandleader" zu verhören. 
Steve zuckt nicht vor Ehrfurcht zusammen, wenn der 
Name Furtwängler fällt. Für ihn ist der alte Mann ein 
brauner Hund, wie die anderen auch. Und er läßt es ihn 
spüren: "Na, Wilhelm, wie war das denn, als Sie für ihren 
Freund Adolf ,Happy Birthday' gespielt haben?" Doch 
der alte Mann läßt die freche Anmache des Amerikaners 
geduldig über sich ergehen, antwortet mit gedämpfter 
Stimme. Für den weltberühmten Maestro steht 
Essentielles auf dem Spiel - denn seine Einordnung in 
die Kategorien der Entnazifizierungs-Spruchkammern 
entscheidet, ob er wieder in Deutschland arbeiten darf 
oder nicht. 
Davon, daß der Dirigent am Ende in die Kategorie IV 
("Mitläufer") eingestuft und damit weitgehend entlastet 
wird, erzählt Ronald Harwoods "Der Fall Furtwängler" 
nicht. Der 1934 in Südafrika geborene, seit 1951 in 
England lebende Autor baut sein 1995 uraufgeführtes 
Kammerspiel um die beiden Vorladungen Furtwänglers 
im Februar und Juli 1946 in das Büro des 
amerikanischen Majors Arnold in Berlin-Steglitz herum - 
ein Büro, das sich in der Nähe des heutigen Schloßpark-
Theaters befand. Und eben dort hat Hausherr Heribert 
Sasse das Dirigentendrama jetzt zur Begeisterung des 
Premierenpublikums auf die Bühne gebracht. 
"Der Fall Furtwängler" ist ein schweres, 
zweieinhalbstündiges Werk über ein mindestens ebenso 
schweres Thema. Es wird vor allem geredet - über 
Dinge, an die sich viele nicht gern erinnern lassen -, der 
Regisseur muß vollkommen ohne Bühneneffekte 
auskommen, eindeutige Sympathieträger gibt es nicht. 
Soll der Dokumentarfilm-Realismus nicht in 
Betroffenheitstheater umkippen, sind Charakterdarsteller 
gefragt und inszenatorisches Handwerk. Über beides 
verfügt Heribert Sasse: Hier wurde viel an szenischen 
Details gefeilt, das sieht man (zumindest von den 
vorderen Reihen des Schlauchtheaters). 
Marcello de Nardo spielt den Amerikaner überzeugend 
als unreflektierten Kumpel-Typen, der bis zum 
Schlußvorhang felsenfest davon überzeugt ist, die 
Schwarz-Weiß-Wahrheit auf seiner Seite zu haben. 
Wenn er Nazis verhört, fühlt er sich wie ein cooler 
Kinokomissar, der mit Pokerface und Psychotricks 
Bösewichter zur Strecke bringt. Was über seinen 
Horizont und den Wortlaut der US-Verfassung 
hinausgeht, läßt er nicht gelten. Darum sind 
Furtwänglers Argumente von der Macht der Musik als 
Hoffnungsbringer und klingendem Freiheitsersatz für ihn 
nur Geschwätz. Darum kann er dem Maestro aber auch 
Fragen stellen, die sich sein gebildeter, jüdischer 
Adjutant (Holger Daemgen) aus Ehrfurcht vor 
Furtwänglers künstlerischen Leistungen niemals 
erlauben würde - obwohl seine Eltern im KZ ermordet 
wurden. 
Daß die beiden grundverschiedenenen Männer nicht 
anders können, als aneinander vorbeizureden, darin 
liegt die eigentliche Spannung des Stücks und die 
Chance für Harwood, Fragen von Widerstand und 
Mitläufertum an Einzelschicksalen zu untersuchen. Im 
Gegensatz zum zweiten Geiger Rode, der als 
rückgratloses Weichei immer auf die Seite der 
Mächtigen strebt (eindrucksvoll abstoßend: Helmut 
Stauss), hält Furtwängler dem Sturm des Verhörs durch 
den US-Offizier stand, so wie er dem Nazi-Regime 
standhielt, auch wenn seine Glaubwürdigkeit in beiden 
Fällen Blessuren davonträgt. Erich Schleyer besitzt die 
Unnahbarkeit ausstrahlende Bühnenpräsenz für den 
weißhaarigen Hünen, der sich störrisch in sein tönendes 
Schneckenhaus zurückzieht und daran festhält, daß 
einen Künstler wie ihn die Welt draußen nichts angehe. 
Zweifellos hat "Der Fall Furtwängler" auch Längen, wenn 
sich Harwood beispielsweise mit der Nebenhandlung der 
Tamara Sachs (Gertrud Roll) in dramaturgischer 
Spitzenklöppelei verliert, ebenso entgeht der Autor nicht 
ganz der Verlockung politisch korrekter 
Tränendrüsendrückerei, wie im Fall des jüdischen 
Adjutanten, der zum Entsetzen des Majors aus 
Verehrung für den Maestro über Rachegefühle erhaben 
ist. Wer sich jedoch für das Thema Macht und Musik im 
"Dritten Reich" interessiert - und zudem noch pikante 
Details über das doppelte Parteimitglied Herbert von K. 
erfahren möchte - wird beides im Schloßpark-Theater 
finden. 

 

Krimineller Bandleader

"Der Fall Furtwängler": Heribert Sasse

läßt den Dirigenten von einem Zyniker verhören

Steglitz! In einer Baracke gegenüber dem Schloßpark-

Theater mußte sich im Dezember 1948 Wilhelm

Furtwängler dem Ausschuß zur Entnazifizierung stellen.

Der Dirigent wurde schließlich in "Kategorie IV" als

"Mitläufer" eingestuft. Gegenüber spielt Heribert Sasse

jetzt ein halb-dokumentarisches Stück des britischen

Dramatikers Ronald Harwood, das aus Furtwänglers

ambivalenter Rolle im Dritten Reich äußerst effektvoll für

die Bühne Honig saugt. Der jetzige Aufführungs-Ort gibt

dem "Fall Furtwängler" zweifellos ein besonderes Air von

Authentizität. Dabei ist Harwoods Umgang mit der

historischen Faktenlage im weitesten Sinne "frei".

Schauplatz ist das Büro eines US-Majors im

amerikanischen Sektor von Berlin. 1946. Dieser Steve

Arnold ist ein Musik-Banause. Er findet Beethoven und

Bruckner fürchterlich. Er bezeichnet Furtwängler als

Bandleader. Seinen Namen hat er zuvor nie gehört.

Gerade diese Voraussetzungen qualifizieren ihn in den

Augen seiner Vorgesetzten, den früheren Künstler zu

verhören.

Harwoods dramaturgischer Kniff, der den Thriller unter

Spannung setzt: Arnold ist ein Inquisitor der besessenen

Art. Er erblickt in Prominenten, die Deutschland bei

Beginn der Nazi-Diktatur nicht unverzüglich verlassen

haben, minderwertige Kreaturen. Der Dirigent der

Philharmoniker ist für ihn ein verachtenswerter Krimineller.

Er demütigt Furtwängler, er verfolgt ihn. Aber den Belegen

angeblicher Anpassung und Liebedienerei an die

Mächtigen stehen, dialektisch eindrucksvoll, Zeugnisse für

gelegentliche Widersetzung und zahlreiche helfende und

rettende Handlungen für jüdische Verfolgte entgegen.

Es ist für Harwoods dramatische Konstruktion sehr

wirkungsvoll, daß an diesem Verhör ein jüdischer Leutnant

deutscher Herkunft (Holger Daemgen) sowie eine

deutsche Sekretärin (Brit Gdanietz) beteiligt sind: Der

Soldat hat noch in jungen Jahren durch Furtwängler sein

musikalisches Initialerlebnis erfahren, und auch die

Tochter eines Mitglieds des Widerstands ist eine

Bewunderin des Dirigenten.

In Heribert Sasses Inszenierung entwickelt die

Auseinandersetzung starke psychologische Spannung.

Der vermeintliche Zwang zu physiognomischer

"Ähnlichkeit" engt den Spielraum des Furtwängler-

Darstellers beträchtlich ein. Eine verlebendigte Wachsfigur

mit hohepriesterlicher Haltung und Gebärde, bis in den

Schlußapplaus hinein. Erich Schleyer gewinnt aber gerade

den Momenten des Schweigens, die Harwood der Rolle

einräumt, sprechende Momente ab, die sowohl den naiven

Glauben an die Möglichkeiten der Kunst gegen die

staatliche Macht wie Anflüge von eitler Eifersucht auf die

heraufdämmernde Konkurrenzfigur, das zweifache

Parteimitglied Karajan, erkennen lassen. Aristokratische

Verhaltenheit selbst im Ausbruch.

Es kommt nur zu einzelnen darstellerischen

Überziehungen. Jener Zweite Geiger, der als

Philharmoniker-Spitzel sein Wesen trieb und jetzt

seltsamerweise bei Steve Arnold gewisse Sympathien

kassiert, wird hier (Helmut Stauss) zu einer überanstrengt

berlinernden und antisemitisch gestelnden Charge.

Die wirksamste Figur des Stücks ist der amerikanische

Major. Der zierliche Marcello de Nardo erfüllt auf den

ersten Blick nicht die Rollenerwartungen. Dies ist kein

Pitbull auf dem Ledersessel des Anklägers, sondern ein

hochnervöser, zynisch aggressiver Typ. In einem kurzen

Augenblick, gegenüber der Witwe eines jüdischen

Pianisten (Gertrud Roll), läßt er doch etwas Gutherzigkeit

durchscheinen, und nicht nur, weil er ihr eine Tüte

Würfelzucker spendiert. Wo genau die psychischen

Beschädigungen dieses Menschen liegen mögen, ist vom

Autor im Groben belassen. Aber so wie de Nardo diesen

selbsternannten Rächer angeht, verstehen wir durchaus,

daß ihm, der Bergen-Belsen zwei Tage nach der

Befreiung gesehen hat, Geduld und Verständnis fehlen für

die grübelnden Erwägungen des Beschuldigten zu einer

geradezu jenseitigen "Macht" der Musik, die imstande

wäre, millionenfache Mörder in die Knie zu zwingen.

Arnold, der Furtwängler nichts beweisen kann, will ihn auf

Nazi-Art, mithilfe eines willfährigen Journalisten, auch

künftig weiterverfolgen.

Das geschickte Stück fordert gerade am zentralen Ort von

Furtwänglers auch geographisch weit gestreutem Wirken

besonderes Augenmerk. Sasses Regie schneidet nicht mit

hartem Messer: Sie läßt dem Betrachter genügend Raum

für Nachdenklichkeit. Auch darüber, wie "das Theater"

sich zur Darlegung des heiklen Themas über die politische

Moral des Künstlers unter Diktaturen am liebsten

inzwischen weit zurückliegender Charaktere bedient -

Gustaf Gründgens gilt ihm als Lieblings-Mephisto. Wird

die jüngste Vergangenheit erst in Jahrzehnten reif für die

Bühne?   (Peter Hans Göpfert)

 

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