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Berliner Morgenpost
Bei Barlog geben sich Haupmanns 
“Einsame Menschen” eher nett als einsam
von Friedrich Luft
Dies ist die Geschichte von Maria
und Magdalena im Lukas im Lukas-Evangelium: 
Magdanelna diente dem Herrn und machte sich viel zu 
schaffen. Maria saß indes zu seinen Füßen und hörte 
ihm zu. Maria, steht geschrieben, hatte den besseren 
Teil erwählt.
Gerhart Hauptmann hat in seinen “Einsamen 
Menschen”, seinem dritten Bühnenstück, die Wirklichkeit 
geplündert und dramatisch erhoben. Was hier geschieht, 
geschah in Wirklichkeit seinem älteren Bruder Carl, als 
beide, jung verheiratet, für Zeit in Schreiberhau das 
Haus teilten.
Carls Ehe zerbrach an einer in seine Ehe eindringenden 
polnischen Intellekuellen. Sie saß zu seinen Füßen. Sie 
hörte ihm zu, verstand ihn, mit ihr konnte er reden. Mit 
seiner guten, einfachen Frau nicht. Die legale 
Gemeinsamkeit zerbrach. 
Hauptmann hat den Familienfehler zur zur Tragödie 
werden lassen. bei ihm geht der junge Freigeist 
zwischenzwei Frauen am Ende verzweifelt in den 
Müggelsee. der junge Philosoph kann nicht schwimmen. 
Er versäuft. 
Die Familientragödie gehört zu den erfolgreichen 
Stücken Hauptmanns nicht. Sie wurde, als sie noch 
ganz neu war, nur geringfügig gespielt. Sie ist in einer 
höchst einsichtigen Aufführung seit zwei Jahren im 
Ostberliner Gorki-Theater auf dem Programm. Sie wurde 
hier vor zwanzig Jahren zum letzten Mal im Schloßpark-
Theater gezeigt. Damals spielte Horst Caspar den 
unsicheren Lebenskandidaten zwischen zwei Frauen. 
Das ist hell in der Erinnerung geblieben.
Jetzt, im Renaissance-Theater, geht Boleslaw Barlog die 
inzwischen neunzigjährige Vorlage an. Er ergreift nicht 
Partei. Er versucht allen recht zu geben. Auch wenn am 
Ende die ältere Generation, die bigotten Eltern der 
jungen Ehegatten, den Darwin-Gelehrten und Bölsche-
Verehrer streng ins Gebet (wörtlich) nimmt und ihn mit 
gottesfürchtigen Vorwürfen peitscht. Auch dann macht 
Barlog diese zornigen Christenmenschen nicht böse. Sie 
sind verbohrt. Aber sie sind (hier) verwerflich nicht.
Barlog lenkt des Zuschauers Symphatie auch nicht auf 
die in die junge Ehe einbrechende studierte Dame aus 
dem Baltikum, die den jungen Gelehrten durch ihr 
Verständnis bezaubert und ihn seiner Frau entfremdet.
Ziemlich rüde des Hauses verwiesen wird sie am Ende. 
Judith Estermann darf die eigentlich doch dominierende 
Rolle eher wie unter einer Sordine spielen.
Barlog versucht, eher Verständnis für die an der Liebe 
und dem Verständnis ihres Mannes weggedrückte, 
ehrlich-einfältige Frau Ehefrau zu wecken. Sie ist ein 
Produkt wilhelminisch-preußischer 
Frauenunterdrückung. Sie liebt und dient. Sie bleibt, so 
nahe sie ihrem Manne ist, ihrem Mann fremd. Sie bleibt 
auch noch in der Ehe einsam. Sie ist unter diesen 
“Einsamen Menschen” im  Grunde die Einsamste. Ihr 
erlaubt Barlog am Ende die große, tragisch-leidende 
Geste.
Sonst keinem.
Er gibt einer jungen, hier noch unbekannten 
Schauspielerin die schwierige Rolle zu spielen. Lee-
Elisabeth Langner hat Madonnenzüge der Einfalt. Sie 
darf herzlich sein. Aber nie aufregend oder interessant. 
Sie soll ständig symphatisch werden, darf dabei aber 
kaum eigenes Interesse (wenn nicht Mitleid) erspielen. 
Das gelingt ihr immerhin. Aber das kann die Figur denn 
doch nicht, wiewohl vom Regisseur intendiert, in den 
Mittelpunkt rücken.
Wenn kleinbürgerliche Freundlichkeit herrscht, läßt 
Barlog seine Lust am liebenswürdigen Detail spielen. 
Kurt Buecheler bleibt, so fragwürdig die gespielte 
Vaterfigur ist, immer und bis zum Ende 
symphatisch.Karin Hardt wirtschaftet in dem Haus der 
jungen Eheleute als Schwieger-mutter eher nur etwas 
nett borniert herum.
Soziale Heftigkeit
Hilla Hofer darf in einem Minutenauftritt soziale Heftigkeit 
verkörpern. Das gelingt ihr vorzüglich und wird zurecht 
mit Sonderbeifall versehen. Aber den Abgrund, der sich 
bei Hauptmann da auftut, zeigen darf sie den auch nicht. 
Hugo Schrader zeichnet auch eher versöhnlich und 
humoristisch einen bürgerlich-bestechlichen Gottesmann 
und Pastor. Der junge Vater hat einen etwas windigen 
Freund, einen Maler, der auch zu Gaste ist. Ein 
unbürgerlicher Typ mit den Schwächen eines 
schwachen Künstlers. Mit seiner Malerei, merkt man 
gleich, kann nicht viel her sein. Wie Hauptmann diese 
Gestalt formt und auf die Bühne stellt, zeigt eigentlich 
am deutlichsten des Meisters Hand in der 
Menschengestaltung. Und davon nutznießt der 
Darsteller im Renaissance-Theater auch erklecklich. 
Helmut Stauss zieht gleich eine tragikomische  Schicht 
unsicherer Menschlichkeit über diese ergiebige Figur.
Worunter dann sicher die eigentliche Strahlerolle des 
zaghaften Freigeistes und Mannes zwischen den Frauen 
leiden muß. Wolf Fraß hätte das Zeug dazu sicher, einer 
Tragödie den Lauf zu öffnen. Er muß hier eher im 
Schatten bleiben.Barlog vermeidet auch da letzten 
Ernst.
Es wird eine ausgewogene, sicher gefällige, wenn sicher 
auch beschwichtigende Aufführung. Sie sie ist besser 
als so vieles, das man im Renaissance-Theater in den 
letzten Jahren sah. Auch wenn man eher viele “nette” 
als “einsame” Menschen erlebte.
Der Beifall der Treue für Barlog und die wackeren 
Spieler war deutlich und herzlich.

 

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