Textprobe  Verlag Cast Presse Photography  Archive

 

 

Fragen an "Danton" - Regisseur Helmut Stauss

"Versuchen wir das Unmögliche"

Das Revolutionsstück "Dantons Tod" von Georg Büchner verspricht
die interessanteste Aufführung bei den diesjährigen Bad Hersfelder
Festspielen zu werden. Regisseur Helmut Stauss erklärte sich freundlicherweise
bereit, einige mehr oder weniger provozierende Fragen zu beantworten.

Waldpress:
Gibt es nicht immer revolutionäre Situationen nach dem Motto "Wer gerade regiert
- gehört abserviert"?

Stauss:
Unsinn. Revolutionäre Situationen schöpfen ihre Kraft nicht aus Querulantentum
sondern aus Not. Nur das Wort "Brot" brachte Louison Chabry vor ihrem König
über die Lippen. Es hätte auch "Arbeit" oder "Sinn" oder "Zukunft" sein können.
Da ist nichts Willkürliches. Gescheiterte Revolutionen hingegen sind Ausdruck einer
unvollkommenen menschlichen Natur und eines schwankenden, politisch
unfähigen Volkes, das sein Ziel aus den Augen verliert. Rousseau schreibt:
"Ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören und die
Erde keinem!" Aber es hat zum Gl[ck immer Menschen gegeben, die scheinbar

gescheiterte Utopien weiterführten. Sie bewahren die Vorstellung von
einer Revolution, deren Treibsatz der sich stetig vergrößernde Widerspruch
zwischen arm und reich ist. " Jedes Scheitern legt so dem Unvollkommenen nur
wieder das Ziel des Vollkommenen auf", sagt der Büchnerinterpret Hans Mayer.
Ob dies ein Regelkreis ist, wird sich erweisen. "Seien wir realistisch –
versuchen wir das Unmögliche". sagt Che Guevara - und dies bringt es wohl auf den
Punkt.

Waldpress:
Nach einem halben Jahrhundert des Wohllebens befindet sich Deutschland auf dem Weg in die
Verelendung. darum die Anregung: Sollten wir nicht Bänker und Unternehmer, die Ihre Aktienkurse
parallel zur Zahl der Arbeitslosen ansteigen lassen, an die Laternen hängen oder auf die Guillotine
schicken?

Stauss:
Verelendung? Deutschland? (lacht) So, so! Nein, nein, ich denke,  Ihre
verlockende Anregung ist zur Zeit noch ein wenig unpopulär . Außerdem: "Lieber
guter Freund," schrieb Madame Jullien während der Revolution an ihren Sohn, "die
Wölfe haben immer die Schafe gefressen - werden die Schafe diesmal die Wölfe

fressen?"

Waldpress:
Die Wurzel des Übels liegt derzeit aber auch in der alles überwuchernden Staatsbürokratie.
Sollten wir nicht auch die sich selbst bedienenden Parteibonzen aufs Schafott schicken?

Stauss:
Eine solche Strafe sollte, in einer parlamentarischen Demokratie, gerechterweise doch 
                                                                              zunächst die Wähler dieser Politiker treffen. "Ein schöner Cirkelschluß , der sich selbst am
Hintern leckt", um mit Büchner zu sprechen.

( Interview: Waldpress)

 
 

FAZ
Bilder von expressiver Dynamik
Wieder einmal bestätigt sich die Erfahrung, daß die mächtige Kulisse der 
Stiftsruine, wird sie bewußt in ein Regiekonzept eingebunden, ihre 
eigene Dynamik entwickelt, eine Inszenierung nachhaltig prägen kann. 
So auch bei der zweiten Premiere der Hersfelder Festspiele, Georg 
Büchners Revolutionsdrama „Dantons Tod“, für die Regisseur Helmut 
Stauss eine eigene Textfassung aus dem riesigen Reservoir von 
Kurzszenen zusammengestellt hatte. Bühnenbildner Gralf-Edzard 
Habben, dessen Arbeit an diesem Stück in Göttingen vor acht Jahren 
noch gut in Erinnerung ist, schuf mit wenigen Requisiten, dafür aber 
souveränen, differenzierten Spiel mit hohen Gitterwänden und einer 
effektvollen Lichtregie das optische Gerüst für das düstere Geschehen, 
das pessimistische Geschichtsbild von der Revolution, die ihre Kinder 
frißt.
Szenencollage
Einem amorphen Stück wie dem „Danton“ bekommt die wohlüberlegte 
Reduktion in jedem Fall gut. Die Szenencollage, die Stauss in der 
Stiftsruine präsentiert, strukturiert durch ein eigens für Hersfeld 
komponiertes „Spielmannslied“ des linken Liedermachers Hannes 
Wader, das dieser anfangs, im Mittelteil und am Ende des auf die 
Vernichtung zusteuernden Handlungsablaufs selbst vorträgt, ist äußerst 
knapp gehalten. Sie umreißt dennoch – oder vielleicht deshalb in 
größerer Klarheit – die Umkehrung von Freiheitsidealen in mörderische 
Praxis, welche auf diejenigen zurückschlägt, die diesen Prozeß in Gang 
setzten. Dabei zeichnet Stauss nicht in erster Linie ein politisch-
historisches Drama, sondern konzentriert sich stark auf den Konflikt 
zwischen den beiden Gegenspielern Danton und Robespierre bis zu 
seiner letzten tödlichen Konsequenz. 
Die expressive Wucht von Büchners an Shakespeare  geschulter, 
bildkräftiger Sprache kommt dabei zu ihrem Recht, eindeutiger noch bei 
Volkmar Kleinert als Robespierre in Leninmaske mit seiner eiskalten 
grausamen „Tugend“-Ideologie. Er rückt gegenüber dem humaneren, 
sinnlich-bequemeren Danton (Peter Kremer mit großer Bühnenpräsenz 
in seiner wild aufflackernden Weltverachtung, aber auch Resignation) 
darstellerisch in den Vordergrund.
Die hohen, verstellbaren Gitter, die Privathaus, Tribunal, Gefängnis, 
Guillotine (mit einem groteskem Kalvarienberg) andeuten können, die 
zeitgerechten Kostüme von Irmgard Kersting, die rhythmisch drängende 
Bühnenmusik von Helgo Hahn wirken mit dem in den Massenszenen 
konzentrierten Ensemble zusammen in einem eindrucksvollen 
Gesamtbild.
Anhaltende Spannung
Der Kontrast zwischen Individualität und Massenhysterie, zwischen 
aufbrausend forciertem Schrei und zarter, fast lyrischer 
Zurückgenommenheit (so bei Yvonne Brüning als Julie, Iris Radunz als 
Lucile, Eva Renzi als Marion) läßt anhaltende Spannung entstehen.
Stauss vermeidet sowohl Pathos als auch Sentimalität, läßt statuarisch 
und turbulente Szenen permanent  abwechseln. Ein starkes tänzerisches 
Element schafft zusätzlich ironische Überhöhungen.
Aus der Masse der Darsteller in dieser klug montierten und dynamischen 
Szenencollage ragen Maximillian Held als Demoulions und Julian 
Weigen als St.Just hervor. Eine verregnete Premiere und trotzdem ein 
großer Erfolg. (C.S.-v.D.)      

 

 

Fuldaer Zeitung
Zweite Premiere der Bad Hersfelder Festspiele: Büchners „Dantons Tod“ in der 
vorzüglichen Inszenierung von Helmut Stauss
Totentanz der scheiternden Utopien
von Christoph A. Brandner
Helmut Stauss hat alles gewagt: Für sein Inszenierungsdedüt in der Stiftsruine 
wählte er eines der schwierigsten Stücke der Weltliteratur, Georg Büchners 
„DantonsTod“, in dem die letzten beiden Wochen vor der Hinrichtung Dantons am 
5.4.1794 in Paris geschildert werden. 
Helmut Stauss hat  alles gewonnen und sein Ziel erreicht: einen spannenden  
Theaterabend, der Fragen stellt und alle etwas angeht. Wie konnte es Stauss 
gelingen, dieses Ideendrama, in dem die Aktion weit hinter die Reflexionen 
zurücktritt, derart intensiv und überzeugend umsetzen?
Lohn der Leidenschaft.
Der Erfolg dieser Inszenierung, der bisher besten in der dreijährigen Lechtenbrink- 
Intendanz, gründet auf vorzügliche Quellenarbeit, intellektueller Durchdringung des 
Stoffes, ausgezeichneter szenischer Umsetzung, kluger Sprachregie, präziser Arbeit 
mit den Ensemblemitgliedern und souveräner Raumbeherrschung. Dazu kommt 
leidenschaftliche Liebe zum Theater, die unabdingbar ist, um andere mitzureißen und 
zu Höchstleistungen zu führen.
Der Regisseur hat die dramatische Aktualität von Büchners genialen Erstlingswerk 
deutlich herausgearbeitet und zahlreiche Verbindungen zur heutigen Zeit 
herausgestellt. Übergreifende Themen sind: Unzufriedenheit des Volkes, 
Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Alkoholismus, Besitzstandswahrung, Korruption, 
Orientierungslosigkeit und Werteverfall, die Allmacht der Regierenden und die 
Gewalt der Skrupellosen. Für Stauss ist „Dantons Tod“ auch ein Schauspiel über ein 
von Politikern verführtes Volk und über die verrinnende Kraft der bürgerlichen 
Revolution.
Zentrale Komplexe der Inszenierung sind die Hoffnungslosigkeit und das Scheitern 
der Utopien, der Fatalismus der Geschichte, die Einsamkeit des Wissenden und die 
menschliche Unfähigkeit zum positiven Wandel. Stauss hat das analytische 
Revolutionsdrama zu einem Todesstück geformt. Die desillusionierten Menschen 
drehen sich in einem heißen Totentanz. Er reißt auch die „Helden“ mit, die man nicht 
nur in ihrer überlegenen geistigen Potenz, sondern auch in ihrer wahnhaften 
Befangenheit erlebt.
Unabdinghafte Voraussetzungen eines solchen Bühnenereignises sind hochkarätige 
Besetzungen. Für die Hauptrollen fand Stauss Darsteller, welche Büchners Thesen 
äußerst engagiert vertreten. Auch in den Nebenrollen überrascht ungewöhnliche 
Qualität. Bereits der erste Eindruck von dieser Inszenierung ist bezwingend: Gralf-
Edzard Habben läßt die Wucht des riesigen Raumes wirken und benötigt nur zwei 
Müllhaufen, die an die Barrikadenkämpfe erinnern, ein mehrteiliges hohes Gitter und 
Podeste an den vorderen Bühnenseiten.
Während sich der Zuschauerraum füllt, sitzt ein weißgekleidetes , blümenbekränztes 
Mädchen an der Rampe und schlägt mit einer kleinen Guillotine ihrer Puppe immer 
wieder den Kopf ab. Ein bestürzender Hinweis auf die Allgegenwart und 
Belanglosigkeit des tausendfachen Sterbens und eine „Einstimmung“ auf Büchners 
Lied vom Tod.
Stauss, der in seiner verdichteten Spielfassung auf etliche detaillierte Bezüge zu 
Revolutionsgruppen und zur Geschichte verzichtet hat, spürt auch der grotesken 
Komik der Vorlage nach und macht die Promenadenszene zu einer überdrehten 
Kabarettnummer.

Messias gegen Epikur

Glanzpunkte der Aufführung sind neben zahlreichen klugen Details die großen, 
äußerst anspruchsvollen Monologe von Danton, Robespierre und St.Just. Peter 
Kremer zeigt Danton als rebellischen Epikuräer, der an der Revolution leidet, die er 
nur deshalb gemacht hat, „weil ihm die Menschen zuwider awren“. Der vortreffliche 
Volkmar Kleinert zeichnet ein messerscharfes Porträt von Robespierre, dem „Blut-
Messias“, als doktrinären Idealisten und radikalem Tugendwächter voll Sittenstränge 
und Unbestechlichkeit. Neben diesem charismatischen Führer, der seine Reden wie 
Musikstücke vorträgt, steht Scharfmacher St.Just, dessen Fanatismus Julian 
Weigend in ekstatischen Haß treibt. Ausgezeichnet auch die anderen, beispielweise 
Eva Renzi, Ralf Wolter (beide sehr differenziert in mehreren Rollen) und Hannes 
Wader als Spielmann.
Das begeisterte Publikum bereitete dem Ensemble Ovationen.  
 
 
Gießener Anzeiger
Revolution im Regen
Als sich die konterrevolutionären Wolken über Danton 
zusammenbrauten, fielen die ersten Tropfen auf die Bühne der 
Stiftsruine. Was der Aufführung nichts anhaben konnte, denn das Naß 
wirkte wie ein fester Bestandteil der Inszenierung.
Wenn Danton mit hängendem Kopf, seine Jacke auf dem Boden hinter 
sich herschleifend, resigniert über die Bühne schleicht, endlich begreift, 
daß sein baldiger Tod vor ihm liegt, macht der feuchte Schauer seinem 
Namen alle Ehre. Es gehört nicht viel dazu, den erdigen Geruch des 
Regens mit Kerkerluft zu assoziieren, die Ohnmacht des Helden der 
Revolution zu spüren.

Traumpaar des Abends
Das umwerfend aufspielende Ensemble und der passende Wolkenbruch 
– das war das Traumpaar des Abends. Das Gefühl des Verlorenseins 
hätte nicht glaubwürdiger transportiert werden können. Pünklich im 
letzten Akt, der vorwiegend im Kerker spielt und an dessen Spitze das 
Fallbeil steht, unsichtbar, dafür in seiner unaufhaltbaren Wucht 
unüberhörbar, hat der Wolkenbruch ein Ende.
Auf die dramaturgisch unterstützende Wirkung des Schauers konnte 
Regisseur Helmut Stauss aber nun wirklich keinen Einfluß ausgeübt 
haben. Sein Wirkungsbereich in der Auswahl der Besetzung jedoch ist 
bestechend. Allen voran ein sehr ungleiches Gespann. Peter Kremer 
verkörpert Danton mit schweißtreibenden Körpereinsatz, während 
Volkmar Kleinert den Widersacher Robespierre mit subtiler 
Zurückhaltung Unantastbarkeit verleiht. Aber auch die zweite und dritte 
Darsteller-Reihe war erstklassig besetzt. Oswalt Fuchs als Legendre, 
Maximillian Held als Camille Desmoulins, Manfred Reddemann als 
Lacroix und Julian Weigend in der Rolle des St.Just.
Hannes Wader als Spielmann
Man mochte sich nicht festlegen, wer in Präsenz und Ausdruckskraft 
mächtiger war. Die Behauptung, daß Revolution reine Männersache sei, 
straften Yvonne Brüning (Julie), Iris Radunz (Lucile), Eva Renzi (erste 
Bürgerin, erster Herr, Marion,) und Hellena Büttner (Simons Weib, 
Madame) zumindest darstellerisch Lügen – wenn auch nur in 
Nebenrollen. Sogar zwei „Stars „ wurden aufgefahren, Der zweite Jurist, 
Erste Bürger, Zweite Herr, Erste Fuhrmann, und erste Henker spielte in 
Personialunion und schalkischer Spitzbübischkeit Ralf Wolter, der nicht 
zuletzt mit dem Satz „wenn ich mich nicht irre!“ als Sam Hawkins in die 
Geschichte des deutschen Films eingegangen ist. Die Rolle des 
Spielmanns konnte kein Passender übernehmen als der (Arbeiter) 
Liedermacher Hannes Wader. Für sein Debüt als Bühnenschauspieler 
komponierte er das „Spielmannslied“, einen typischen Wadertitel, der 
sich für die Atmosphäre des Stücks als maßgeschneidert erwies. Das 
waren übrigens auch die Kostüme Irmgard Kerstings, die ebenso wie 
das minimalistische Bühnenbild von Gralf-Edzard Habben wirkten, ohne 
abzulenken.     
Außerdem steht der brilliant spielende und von den 1600  
Premierengästen gefeierte Volkmar Kleinert als personifiziertes Beispiel 
für die tiefgehende Kraft von scharfen, aber leisen Worten. Ralf Wolter 
lieferte ein weiteres Beispiel dafür, daß Ausdrucksstärke nicht 
zwangsläufig mit Lautstärke wachsen muß. Als er in seiner Rolle als 
Zweiter Herr mit dem Ersten ein Gespräch über ein Stück führt, läßt er 
sich von diesem – passend zum Platzregen in der Stiftsruine – über eine 
Pfütze helfen. So als hätte Georg Büchner damals die 
Wetterverhältnisse am Samstag abend geahnt. Dadurch bekam der 
nachfolgende Satz des Zweiten Herren eine nicht nur komische, sondern 
tiefe Bedeutung: „Ja, die Erde ist eine dünne Kruste; ich meine immer, 
ich könnte hindurchfallen, wo so ein Loch ist. –Man muß mit Vorsicht 
auftreten, man könnte hindurchbrechen. Aber gehen Sie ins Theater, ich 
rat es Ihnen!“ Was gäbe es dem noch hinzuzufügen?
 
Berliner Morgenpost
 

Danton und Frank'n'Furter vereint in der Stiftsruine

Bad Hersfelder Theaterfestspiele zeigten sich locker und gefällig
Eberhard von Elterlein
Ein Mädchen spielt mit seiner 
Puppe Guillotine. Immer und immer wieder kommt die 
Puppe unters Fallbeil. Das Mädchen im weißen Kleid der 
Unschuld verzieht keine Miene. Wie Robespierre, als er 
die Girondisten, dann die Dantonisten hinrichten läßt, 
bevor er "Dantons Tod" befiehlt.
"Nichts ist so, wie es scheint", nannte Volker Lechtenbrink 
das Motto der 47. Bad Hersfelder Theaterfestspiele, die 
jetzt nach "Was ihr wollt" zwei weitere Premieren erlebten. 
Es ist das letzte Jahr von Lechtenbrinks Intendanz, und da 
wollte der Sänger gerne die leichteren Töne anschlagen. 
Regisseur Helmut Stauss hat in Büchners Drama Ralf 
Wolter, bekannt als komische Figur in den Karl-May-
Filmen der Sechziger Jahre, als Bürger, Richter und 
Jedermann besetzt. Dessen Zunge ist locker, doch der 
Ernst kippt nie um. Ein Kinderspiel? Stauss hat den 
Büchner auf zwei Stunden Spielzeit heruntergestrichen, 
ohne Mätzchen streng durchinszeniert, doch die fröhliche 
Lockerheit bleibt genauso in Erinnerung wie die brillante 
Leistung der beiden Hauptdarsteller.
Volkmar Kleinert ist ein wild mit dem Zeigefinger rudernder 
Machtmensch Robespierre. Doch er ist allein mit seiner 
Illusion vom totalen Schrecken. Er bricht genauso 
zusammen wie Peter Kremer, der Danton als leichtfertigen 
Bonvivant gibt. Ausgerechnet Hannes Wader als 
Bänkelsänger: Der Liedermacher sang einst von einer 
jener Revolutionen, die ja immer - ob 1968 oder 1789 - 
ihre eigenen Kinder fressen.
Wie naheliegend auch die Idee, die "Rocky Horror Show" 
als Science-fiction-Märchen anzulegen! Frank'n'Furter, 
seine Assistenten Riff-Raff und Magenta sind 
Außerirdische vom Planeten Transsexuell. Und schon wird 
die mächtige Stiftsruine zum türkisfarbenen Raumschiff 
mit Kommandozentrale in der Mitte. Nur die 800 Jahre 
alten Mauern der Spielstätte erinnern an jenes Schloß, an 
dessen Tor das harmlose Pärchen Janet und Brad 
anklopft.
Vor der sexuellen Revolution hatten die Hersfelder 
Magistratsherren offensichtlich furchtbare Angst, als die 
freizügige "Rocky Horror Show" auf den Spielplan kam. 
Regisseur Peter Heinrich hat sich für seine Version sogar 
extra die Rechte neu besorgt. Wenig Strapse, viel Maske. 
Derbe Grobheiten des Stückes sind geglättet, und Frank 
darf Brad und Janet nur hinter einem schwarzen Tuch mit 
der Aufschrift "Zensur" vernaschen.
Die gefällige Inszenierung tanzt fröhlich an der 
Schamgrenze entlang. Sie hatte ihren Glanzpunkt weniger 
in dem farbigen Hauptdarsteller des Frank und seiner 
Lebemanntruppe als in der schrillen Natürlichkeit von 
"Janet" Pia Douwes, der umjubelten Sally Bowles aus der 
letzten "Cabaret"-Inszenierung in Hersfeld.

 

 

Textprobe   Verlag Cast Presse Photography Archive