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BÜHNE | 10.09.2003

Wo Komisches erschreckend 

und Erschreckendes komisch ist

BRIGITTE SCHOLZ

Helmut Stauss inszeniert »Blut« an den Kammerspielen

An den Kammerspielen beginnt ein neues Kapitel in der Geschichte der Traditionsbühne: Intendant Axel Schneider, Leiter auch des Altonaer und des Harburger Theaters, und seine Mannschaft stehen in den Startlöchern. Sprechtheater auf hohem Niveau wollen sie künftig den Zuschauern präsentieren. "Das Seil ist hoch gespannt", sagt Regisseur Helmut Stauss. Zur Eröffnung inszeniert er das "Blut" von Sergi Belbel, dem meistgespielten spanischen Gegenwartsdramatiker.


"Von der besonderen theaterpolitischen Situation an diesem Haus habe ich erst erfahren, als ich nach Hamburg kam", sagt der in Berlin lebende Schauspieler und Regisseur, der unter Prinzipalin Ida Ehre selbst auf den Brettern der Privatbühne stand. "Aber ich habe große Achtung vor der Arbeit, die hier bisher geleistet wurde. Die Kammerspiele haben einen hohen Wert in der Theaterlandschaft. Und den gilt es zu bestätigen." Allerdings - aus der Ruhe bringen lässt sich Helmut Stauss durch die gespannte Aufmerksamkeit, die diesen Neubeginn begleitet, nicht. Und auch dass um ihn herum Hochbetrieb herrscht, Räume eingerichtet und frisch gestrichen werden, "bekomme ich nur am Rande mit", lacht er. Seine ganze Aufmerksamkeit gilt der Probenarbeit an diesem "vielschichtigen und packenden Stück, in dem es um die Entführung einer Professorin geht, der von den Tätern alle zehn Stunden eine Gliedmaße abgeschnitten wird". Dennoch sei es "kein einfaches Stück über den Terrorismus", betont Helmut Stauss. Vielmehr zeige es Menschen in extremen und alltäglichen Situationen.


Helmut Stauss hat Sergi Belbel, einen großen Liebhaber von Stephen King und Woody Allen, als sehr humorvollen Menschen kennen gelernt. Mit dem 40-jährigen Erfolgsdramatiker hat er sich in Barcelona getroffen. "Es war eine sehr interessante und lustige Begegnung." Dass Belbel auch in seinen Theaterstücken noch in der schrecklichsten Situation immer das komische Moment findet und das Komische bei ihm eben auch immer erschreckend ist, mache die Faszination aus. "Das Ganze darf man nicht auf eine Formel verkürzen. Es wird die Zuschauer sicherlich treffen. Aber es hat auch sehr viel Leichtigkeit und Poesie."

 

taz Hamburg Nr. 7161 vom 19.9.2003, Seite 23

Körperteile auf dem Tisch

Helmut Stauss inszeniert zur Spielzeiteröffnung an den Kammerspielen"Das Blut" mit viel Situationskomik

"Aus den harmlosesten Menschen werden manchmal Bestien", kommt es der Frau über die Lippen. Da weiß sie längst, dass sie aus dem Verließ nicht mehr lebend rauskommen wird. Mit dem Entführungsdrama Das Blut des spanischen Autors Sergi Belbel in der Regie von Helmut Stauss legte die neue Leitung mit Axel Schneider und Dietrich Wersich einen engagierten Start zur Spielzeiteröffnung an den Kammerspielen hin. Das umtriebige Duo, das am Altonaer Theater erfolgreich arbeitet und in dieser Spielzeit gleich noch das Harburger Theater übernommen hat, setzte in der Eröffnungspremiere auf vorsichtige Kontinuität zu den Vorgängern. Ein starkes Stück eines profilierten Gegenwartsautors, schnörkellose Regieführung, ein karges Bühnenbild von Stephan Mannteuffel und eine stark aufspielende Darstellerriege mit Andrea Lüdke (Großstadtrevier) als Zugpferd.

Jenny Gröllmann verleiht der entführten Philosophieprofessorin und Politikergattin grandiose Würde. Immer hat sie ihren Sartre parat: "Das Scheißen und das Lachen, das Sein und das Nichts", wirft sie ihrem starren Bewacher, Oscar Ortega Sánchez, an den Kopf. Das Stück nennt keine Ursachen für den Verlust der Mitmenschlichkeit, es führt die Obszönität der gesellschaftlichen Folgen vor. Die Motive des Entführers und seiner abgebrühten Frau bleiben im Dunkeln. Lösegeld ist Nebensache. Minutiös zieht das Duo seinen Plan durch, sägt dem Opfer nacheinander einen Finger, ein Ohr, einen Fuß und schließlich den Kopf ab. Die Metzeleien überlässt Regisseur Helmut Stauss der Phantasie des Zuschauers. Multimediavisionen blenden geschickt in das normale Leben über. Da bekommen ein Liebespaar, ein skurriles Polizistenduo und die Geliebte des Politikers die Körperteile auf den Tisch. Ohne die daraus erwachsende absurde Situationskomik hätte man diesen Abend wohl nicht überstanden.

Caroline Mansfeld

 

Hamburger Wochenblatt

Der ganz normale Terrorismus

Blut ist derzeit allgegenwärtig auf der Bühne der Hamburger Kammerspiele. Es tropft aus dem Kopf des Jungen, dem ein Tannenzapfen auf den Kopf fiel, als er seine Angebetete beobachtete. Wie Tomatenketchup rahmt es den Mund des Polizisten ein, der sich auf die Zunge gebissen hat. Und der fiese Kapitalisten-Bösewicht, dessen Frau von Terroristen entführt wurde, bekommt von seiner Geliebten gleich eine ganze Ladung des roten Lebenssaftes ins Gesicht geschmiert. Der Blut-Ausstoss steigert sich in Sergi Belbels Stück "Das Blut" entsprechend der Grausamkeit, mit der Terroristen ihr Opfer, eine angesehene Professorin, verstümmeln. Sie haben sie nicht entführt, um Lösegeld von ihrem reichen Ehemann, einem machtbewußten Unternehmer und Politiker, zu erpressen, sondern, wie die schwangere Polizistin in der dritten Szene richtig erkennt, um ihre Macht zu demonstrieren. Deshalb hat die Professorin, die zunächst relativ gelassen auf das Lösegeld ihres Ehemanns vertraut, keine Überlebenschance. Alle zehn Stunden wird ihr ein Körperteil abgeschnitten, erst ein Finger, dann ein Ohr, schließlich ein Fuß und am Ende der Kopf. Die Körperteile erhalten ganz wahllos unbeteiligte Menschen. Der Katalane Belbel zeigt in kurzen, knappen Szenen den Irrsinn eines Terrorismus, der sich funktional verselbständigt hat. Die Entführer sind längst in den stereotypen Schablonen gefangen, die von ihrer Ideologie geblieben sind. Geiselnahme, Folter und Mord gehören zu ihrem Alltag wie Gruppenmeetings und der Kurzurlaub im Grünen. Nur das 12jährige Mädchen, das bei den Entführern aufgewachsen ist, zeigt trotz ideologischer Schulung Gefühle für das Opfer. Belbels Szenen sind wie die Leistungen der Schauspieler von schwankender Qualität. Den stärksten Eindruck hinterlassen die Dialoge im Terroristen-Gefängnis mit Jenny Gröllmann und Oscar Ortega Sanchez als Entführte und ihr Aufpasser. Auch Laura Maire in der Rolle des kleinen Mädchens und Robert Kotulla als verliebter Junge spielen stark. Zwischenzeitlich verliert Helmut Stauss´ Inszenierung aber an pointierter Prägnanz. Und muss eigentlich (wegen des Titels ?) so viel Blut fließen ? Trotz mancher Schwächen hat die neue Kammerspiel-Leitung mit ihrem mutigen Spielzeitauftakt gewonnen. Dieses Stück musste gerade jetzt gezeigt werden.

 

Hamburger Morgenpost/nachrichten/hamburg/kultur_mopop

HAMBURGER KAMMERSPIELE | 19.09.2003

Dieser Abend war grausam

SUSANN OBERACKER

Gewagt und verloren: »Das Blut« eröffnet die Spielzeit

Alle zehn Stunden schneiden wir einen Körperteil ab. Wir haben schon beschlossen, in welcher Reihenfolge. Das erste ein Finger. Das zweite ein Ohr. Das dritte ein Fuß. Das vierte der Kopf." Wer nach diesen Zeilen die MOPO immer noch ruhig in der Hand hält, ist tauglich für die neuen Hamburger Kammerspiele.


Ein abstruses Gegenwartsstück über Macht und Gewalt hat Axel Schneider sich zur Eröffnung seiner Intendanz ausgesucht. Eine Fehlentscheidung. Seit Zadeks "Gesäubert" dürften nicht mehr so viele Zuschauer den Bühnensaal an der Hartungstraße verlassen haben wie während der Premiere von Sergi Belbels "Das Blut". Dass damit das Drama des Katalanen geadelt sei, ist leider ein Irrtum. Grausam ist nicht in jedem Fall auch gut.


Belbel konfrontiert die Szenen einer Entführung mit Alltagsgeschehen. Während eine von zynischen Terroristen entführte Professorin ihre letzten 40 Stunden erleidet, flirten zwei junge Menschen auf einer Parkbank, machen zwei Polizisten Mittagspause. Eine Binsenweisheit: Während einer in seiner Existenz bedroht wird, grübelt ein anderer über Schinken und Ei. Gleich drei Mal wird das gezeigt, in langweiligen Szenen - vermutlich, weil der Autor meint, das Leben sei, falls wir nicht gerade entführt werden, nun mal langweilig.


Nicht nachvollziehbar: Helmut Stauss hat das Stück beinahe wortwörtlich inszeniert. Gelungen: Stephan Mannteuffels grauer Würfel als variable Spielfläche. Erstklassig: Jenny Gröllmann als Entführte, die aus dem Wissen um den sicheren Tod eine eigenwillige Kraft gewinnt. Überzeugend: Laura Maire in der mysteriösen Rolle eines Engel-Mädchens. Zu naiv: Andrea Lüdke als Terroristin. Teilnahmslos: Joachim Lautenbach als Ehemann der Entführten. Nüchtern: Katerina Poladjan als dessen Geliebte. Tiefpunkt des Abends: Geliebte und Ehemann erhalten den abgetrennten Fuß des Opfers per Post. Nach einer frustrierten Rede fordert sie von ihm: "Iss ihn." Die Inszenierung wird zur unfreiwillig komischen Farce, als Lautenbach tatsächlich am Fuß zu knabbern beginnt. Fraglich, ob die entflohenen Zuschauer je wiederkommen.

BILD-Hamburg

Blut-Orgie in den Kammerspielen 

Helmut Stauss inszeniert Das Blut

Liebespaar zerstückelt Politiker-Frau

Blutiger Start in den Kammerspielen: Mit Sergi Belbels Drama "Das Blut" hat sich Intendant Axel Schneider den Start nicht leicht gemacht. 

Düster und sehr intim wird die Entführung der Frau eines korrupten Politikers dargestellt: Sie (Jenny Gröllmannwird in einem dunklen Loch gefangen gehalten. Alle zehn Stunden wird ihr ein Körperteil abgetrennt. - der Finger, das Ohr, der Fuß, schließlich der Kopf. Ihren Entführern geht es nicht um Geld. Sie kosten die Macht gegenüber dem "Feind" aus. 

Die Emotionspalette wird breit bedient. Der Ekel trieb einige Zuschauer aus dem Saal, andere wähnten sich in einem Horrorfilm. Dabei war alles schon einmal da: Assoziationen  zu Paul Getty und Jan Phillipp Reemtsma bleiben nicht aus. Das Bühnenbild: Gelungen - aufwendige Video-Projektionen im Kontrast zum dunklen Verlies. Fazit: Nicht übel gemacht - sofern einem nicht übel wird.

 

 

Die  Welt

Schocks und Schaumschlägerei

Axel Schneider startet als neuer Intendant der Kammerspiele mit dem Megaflop "Das Blut" in die erste Spielzeit

von Monika Nellissen

Kot und Teufel! Was hat sich Axel Schneider nur dabei gedacht, Sergi Belbels groteskes, fäkalienstrotzendes Kettensägenmassaker, "Das Blut", von Regisseur Helmut Stauss als bedeutsam zeremonielle Gespenstersonate inszenieren zu lassen? Warum wurde das Stück nicht wenigstens, wenn schon nicht grell und schnell, in der von Belbel zitierten "monströsen Gelassenheit" erarbeitet? Warum hat Schneider überhaupt diese Chronik eines Mordes in Raten zum Auftakt seiner ersten Spielzeit als Intendant der Kammerspiele gewählt?

In seinem Grußwort hat er uns als Zuschauer ausdrücklich ermuntert, den "Zauber eines Neustarts" mit ihm zu teilen. Das ist so unfreiwillig komisch, wie manche Szene, die durch schauspielerische Hilflosigkeit der Lächerlichkeit preisgegeben wird. "Lachen resultiert aus sich lächerlich machen", lehrt uns die Professorin (Jenny Gröllmann). Wie Recht sie hat.

Doch beginnen wir von vorn.

Als Axel Schneider nach der künstlerisch glückhaften Ägide von Ulrich Tukur und Ulrich Waller die Kammerspiele als Intendant übernahm, trat er ein schweres Erbe an. Halten wir ihm zugute, dass er nicht viel Zeit für die Planung seiner ersten Spielzeit hatte und dass er unter gewaltigem Erfolgsdruck steht. Doch warum machte er sich den Einstand vorsätzlich so schwer?

Belbels irrsinnige, wohlfeile Paraphrase auf die Poesie des Bösen und die Sehnsucht nach dem Guten, Wahren, Schönen ist in sich vollkommen unschlüssig. Da wird philosophiert, dass sich das Papier krümmt, und in dem wohltuend nüchternen Bühnenbild von Stephan Mannteuffel in blanker Banalität die Mechanik von Kidnappern (Andrea Lüdke und Oscar Ortega Sánchez) bloßgestellt, die sich das kleine Glück am Meer ersehnen. Merke: Auch der schlimmste Mörder ist nur ein Mensch. Belbel, der Moralist mit ausgeprägtem Hang zu Scheiße, Schock und verbaler Schaumschlägerei, verquirlt alles zu einem finsteren, farcehaften Comic mit melodramatischen Heilsgedanken. Einerseits treibt er mit dem Entsetzen Spott, weil hier Terroristen aus "guten Gründen" im Gruselstil foltern, andererseits aber lässt er die Professorin klugtuerisch über "das Sein und das Nichts" dozieren in einem Augenblick, wo sie im wahrsten Sinne die Hosen gestrichen voll hat.

Sie weiß, dass sie binnen Kürze eines kleinen Fingers, eines Ohrs, eines Fußes und schließlich des Kopfes verlustig gehen wird. Alles säuberlich von den Geiselnehmern abgetrennt und blutig per Boten verschickt. Splatterboulevard auf Mafia-Art. Sie ist das Opfer, stellvertretend für ihren Mann, das "korrupte, machtgeile, scheinheilige Politikerschwein", der vielleicht, oh heilige Einfalt, "im tiefsten Innern leidet", wie eine hochschwangere Polizistin hofft. Der doch nicht. Er hat eine Geliebte und gibt sich ungerührt beim Anblick des Amputats: "Ich erkenne den Fuß meiner Frau. Ich habe ihn fünfzehn Jahre lang jeden Tag gesehen." Ach ja, da ist ja noch dieses Mädchen im weißen Kleidchen (nicht uninteressant: Laura Maire), "rein und sauber", bestimmt für eine Zukunft ohne Rachegefühle, doch voller Hass. Nun hätten wir am Ende gern gewusst, wo für Belbel die "guten Gründe" für den Mord liegen. Der Dramatiker schweigt, diese Aufführung leider auch. Nun wissen wir nur: So darf "Das Blut" nicht inszeniert werden.

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