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Tagesspiegel Berlin

Ein Lechtenbrink mit drei Gesichtern

Mitunter lohnen sich Ausgrabungen
Antonio Collatos Commedia dell` Arte „Arlecchinos Herren – oder 
Dreimal Hochzeit“ ist kaum mehr als ein epigonales Stück des 
Zeitgenossen Goldoni. Es ist fast so gebaut wie fast alle 
Verwechslungskomödien vom uralten Stamme – höchst 
unwahrscheinlich konstruiert auf absurde Situationen eingestellt und 
somit willkommener Vorwand für komödiantische Extratouren.

Komiker-Duo Lechtenbrink - Stauss

Stoff für Komiker der Extraklasse. Volker Lechtenbrink bewältigt mit Elan 
die höchstkomplizierte Verwandlungsrolle von Drillingsbrüdern – als 
galanter Liebhaber, als lärmender Trunkenbold und zum Überfluß als 
schüchterner Tollpatsch in Amore. Dem Helden zur Seite ist unglaublich 
flink und behende der allen Fatalitäten gewachsene Diener Arlecchino. 
Helmut Stauss erledigt das tänzelnd, hüpfend und mit dem Publikum 
kokettierend, dabei stilgerecht Witze aus dem Stegreif reißend.
Da haben es die Partnerinnen nicht leicht, den einmal komisch 
ritterlichen, ein andermal quirligen Mannsbildern Charme und 
Temperament entgegenzusetzen. Katharina Höfels, Beate Wanke und 
Ines Jäger, verstehen sich darauf vorzüglich.
Ein Sonderlob gebührt der bühnentechnische Zaubertricks bewirkenden 
Regie von Fritzdieter Gerhards. Er und seine Bühnenbildnerin H. Hirthe-
Kuschnitzky mußten sich schon etwas ausdenken, damit der dreifache 
Zanetto Lechtenbrinks jeweils die richtige Tür ins Schlafgemach benutzt 
– hinein, hinaus und zum Schluß Hand in Hand mit Arlecchino vom 
Podest herabspringend, dem entzückten Publikum lachend zugewandt. 
(G.G.)

 



Bremer Nachrichten

Brava, eccellente attori!
Lazzi di Zanetto ed Arlecchino in Firenze


Schau an, es wirkt wie eh und je! Es gab ein Stück von Antonio Collalto, 
geschneidert nach dem berühmten, wirklich römischen Vorbild eines 
Plautus, der mit seinem „Menaechmi = die Zwillinge“ als Musterbuch 
diente. Nur eben, daß es diesmal nicht nur Zwillinge (Herren wie Diener) 
waren, sondern Drillinge.

Arlecchinos Herren
Arlecchino blieb als das arme Opfer zwischen drei Herren Zentralfigur, 
die aber jede Ohrfeige mit allen menschlichen Eigenschaften wie Angst, 
Witz, Frechheit glänzend überwand. Da sich zuletzt alles echt aufklärte, 
was in den ersten paar Worten bereits vorangekündigt war und die 
Zuschauer sich denken konnten, waren diese in der Lage, über die „lazzi 
= die Späße und Gags“ befreiend zu lachen. Auch der freundliche Herr 
Zanetto auf Heiratsreise in Florenz, der zwar versehentlich seelisch 
gebeutelt wurde, erhielt endlich sein Mädchen. Mit Dokumenten! Um die 
beiden herum ein Dreibund von liebeshungrigen Frauen, von denen jede 
den Topf fand, auf den der richtige Deckel paßte. 

gut italienisch
In einem hübschen Bühnenbild von H. Hirthe-Kuschnitzky wurde mit 
gutem Gespür für die improvisatorische Eigenart der Commedia dell`arte 
inszeniert und von Anfang an soviel Fröhlichkeit auf die Besucher 
abgestrahlt, daß vom Reflex sogar die Darsteller so mitgerissen wurden, 
daß sie tatsächlich improvisierten, von der Tür am Kopf des Arlecchino 
bis zu dem Stichwort „Vermummungsverbot“ des buntscheckigen und 
gut italienisch parlierenden Dieners. Kostüme von Wolfgang 
Scharfenberger im Stile des 18.Jahrhunderts, etwa aus der Zeit, als ein 
Goldoni Ordnung in die Commedia brachte und sie zur Komödie 
reformierte....

Guinnes-Buch der Theatererfolge
Die besten Schauspieler der etwa drei Jahrhunderte als kulturpolitischer 
Faktor wirkenden Commedia dell`arte wurden seinerzeit in ein Guinnes-
Buch der Theatererfolge eingeschrieben. Zu ihnen, den berühmten 
Ahnen, gesellen sich heute in erster Linie Volker Lechtenbrink, der sich 
mimisch drittelte und dreimal andere Charaktere mit solcher Virtuosität 
und Charme spielte, daß es eine helle Freude war. Eine Meisterleistung, 
die auf den Bühnen und in den Zuschauerräumen mehr Effekt macht als 
auf einem Fernsehschirm. Dern zweiten Preis hat Helmut Stauss 
verdient, der einen Arlecchino mit Artistik, überwältigender 
Zungenfertigkeit und glänzend improvisierten Witzen hinlegte, sich sogar 
mit „avanti“ und „viamo“ unter die Zuschauer mischte. Die beiden 
kletterten sozusagen am Szenenapplaus an der Stange ihres Können 
am höchsten.
Von den Damen war Beate Wanke eine exaltierte, sitzengelassene 
Ehefrau, Katharina Höfels eine etwas zu distinguierte Wirtin, Ines Jäger 
eine blass abgezehrte Verlobte. Da taten zwei Männer mit 
darstellerischem Volldampf mehr: Karl-Heinz König als Vater Geronte 
und Stefan Kuno als Florindo. Eine kurze, aber exquisite Charge spielte 
mit Lächeln a la Vittorio de Sica Alexis von Hagemeister, der einen 
martialischen, leider unbenannten Büttel neben sich hatte.
Kurzum, Vollbluttheater, aus dem kein Besucher enttäuscht herausging!


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